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Über Martha Muchow

In dem Film "Auf den Spuren von Martha Muchow" wird insbesondere die Studie "Der Lebensraum des Großstadtkindes" aufgegriffen, an der Martha Muchow in ihren letzten Lebensjahren gearbeitet hat. Martha Muchow begann ihr Studium 1919 und war seit 1920 an dem Hamburger Psychologischen Institut bei William Stern beschäftigt; zunächst nach der Freistellung vom Schuldienst als "wissenschaftliche Hilfsarbeiterin" und ab 1930 als Akademische Rätin. Nach ihrer Disseration - Muchow war die erste Frau, die 1923 an der Hamburger Universität promoviert hat - arbeitete sie an diversen Projekten mit, die sich allesamt Fragen der Kinder- und Jugendpsychologie sowie der frühkindlichen Erziehung widmeten. 

An der Universität war sie u.a. für die Einführung eines sozialpädagogischen Praktikums für Lehramtstudierende zuständig und leitete auch die psychologischen Praktika, in deren Rahmen sie Ende der 1920er Jahre gemeinsam mit Studierenden die Vorarbeiten zu ihrer Studie "Der Lebensraum des Großstadtkindes" begann. Die Fertigstellung dieser Forschungsarbeit erlebte sie nicht mehr. Nach dem am 7. April 1933 inkraftgetretenem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums"  (in deren Folge auch Stern als "jüdischer" Professor fristlos seines Amtes enthoben wurde und Vorlesungs- und Zutrittsverbot zur Universität erhielt) musste Martha Muchow trotz massiver Diffamierungen und Anfeindungen als "einzige Arierin" die Abwicklung des Instituts übernehmen. Zwei Tage nach der verwaltungsmäßigen Übergabe an den neuen Leiter, einem bekennenden Nationalsozialisten und der Rückversetzung in den Schuldienst, unternahm Martha Muchow einen Selbstmordversuch, dem sie am 29.9.1933 erlag.

Ihre unabgeschlossene Arbeit "Der Lebensraum des Großstadtkindes" wurde 1935 von ihrem jüngeren Bruder Hans Heinrich Muchow veröffentlicht, "verschwand" dann aber sehr schnell. Erst ein 1978 von Jürgen Zinnecker herausgegebenes Reprint verschaffte der Studie Bekanntheit und breitere wissenschaftliche Resonanz. Heute liegt nicht nur eine neu edtierte Auflage der Studie vor (2012 herausgegeben von Imbke Behnken und Michael-Sebastian Honig), sondern auch eine englische Ausgabe (2015 editiert von Günter Mey und Hartmut Günther).

Die Studie "Der Lebensraum des Großstadtkindes" gilt heute als "Pionierarbeit der Kindheitswissenschaften" nicht zuletzt aufgrund eines grundlegend veränderten Forschungsansatzes. Im Mittelpunkt stand wie Kinder die sie umgebende Welt sehen, interpretieren und leben. Muchow hat hierbei drei wesentliche Revisionen gegenüber den bisdahin vorherrschenden Ansätzen vorgenommen: Zunächst zeichnet die Arbeit ein verändertes Subjektverständnis aus, das - in der heutigen Sprache - "Kinder als Akteure" betrachtet. Damit einhergehend wurde für ein verändertes methodisches Vorgehen plädiert, das neben den Einsatz offener Verfahren (Beobachtungen, Karthografie, Aufsätze) dem Vorhandensein unterschiedlicher Perspektiven Rechnung tragen sollte und bei dem Muchow auf der Differenz zwischen Forschenden- und Kind-Perspektive insistierte und damit das praktizierte, was heute als "qualitative Sozialforschung" bezeichnet wird. Drittens wurde der Anspruch formuliert, über eine Allgemeine (Entwicklungs-) Psychologie hinaus die konkreten "Weltbereiche" der handelnden Subjekte einzubeziehen und damit einer lebensweltlichen Perspektive Rechnung getragen.  

Literatur:

  • Faulstich-Wieland, Hannelore & Faulstich, Peter (2012). Lebenswege und Lernräume. Martha Muchow: Leben, Werk und Weiterwirken. Weinheim: Beltz Juvventa.
  • Fries, Mauri (1996). Mütterlichkeit und Kinderseele. Zum Zusammenhang von Sozialpädagogik, bürgerlicher Frauenbewegung und Kinderpsychologie zwischen 1899 und 1933 – eine Beitrag zur Würdigung Martha Muchows. Frankfurt/M.: Lang.
  • Mey, Günter (2001). Auf den Spuren von Martha Muchow. Psychologie und Geschichte, Heft 9 (1-2). 107–122. [open access verfügbar]
  • Mey, Günter (2012). Auf den Pfaden von Martha Muchow. In Martha Muchow & Hans Heinrich Muchow, Der Lebensraum des Großstadtkindes (Neuausgabe herausgegeben von Imbke Behnken & Michael-Sebastian Honig, S.179-192). Weinheim: Beltz Juventa.
  • Mey, Günter (2013). "Der Lebensraum des Großstadtkindes". Eine Pionierarbeit zu Forschung von kindlichen Lebenswelten. In Kristin Westphal & Benjamin Jörissen (Hrsg.), Vom Straßenkind zum Medienkind. Raum- und Medienforschung im 21. Jahrhundert (S.22-38). Weinheim: Beltz Juventa.
  • Mey, Günter (2015). Muchow's Methodological Heritage: Pioneering Qualitative Research. In Günter Mey & Hartmut Günther (Hrsg.), The Life Space of the Urban Child. Perspectives on Martha Muchow's Classic Study (S.235-249). Brunswick: Transaction Publisher.
  • Mey, Günter (2016). Martha Muchow's Research on Children's Life Space--A classic study on childhood in the light of the present. In Florian Esser, Meike Baader, Tanja Betz & Beatrice Hungerland (Hrsg.), Reconceptualising Agency and Childhood: New Perspectives in Childhood Studies (S.150-164). London: Routledge.
  • Mey, Günter (2017). In Memoriam: Martha Muchow (1892-1933). Report Psychologie, 42(11/12), 456-457.
  • Mey, Günter (2018). Martha Muchow & Hans Heinrich Muchow: Der Lebensraum des Großstadtkindes (1935). In Helmut E. Lück, Rudolf Miller & Gabriela Sewz (Hrsg.), Klassiker der Psychologie. Die bedeutenden Werke: Entstehung, Inhalt und Wirkung (2. überarbeite und erweiterte Auflage, S.176-186). Stuttgart: Kohlhammer.
  • Mey, Günter & Günther, Hartmut (Hrsg.) (2015). The Life Space of the Urban Child. Perspectives on Martha Muchow’s Classic Study: Brunswick: Transaction. [Buchinformation]
  • Miller, Rudolf (1999). Martha Muchow. In Helmut E. Lück & Rudolf Miller (Hrsg.), Illustrierte Geschichte der Psychologie (2., korr. Auflage, S.191-193). München: Beltz.
  • Miller, Rudolf (2011). Martha Muchow: Die Entwicklung der Lebenswelt des Kindes. In Sibylle Volkmann-Rauer & Helmut E. Lück (Hrsg.), Bedeutende Psychologinnen (2., überarb. Auflage, S.141-152). Wiesbaden: VS.
  • Muchow, Martha & Muchow, Hans Heinrich (1998). Der Lebensraum des Großstadtkindes (Neuausgabe herausgegeben von Jürgen Zinnecker). Weinheim: Juventa
  • Muchow, Martha & Muchow, Hans Heinrich (2012). Der Lebensraum des Großstadtkindes (Neuausgabe herausgegeben von Imbke Behnken & Michael-Sebastian Honig). Weinheim: Beltz Juventa.

Hinweis:

Das Radio-Feature "Pionierin der Kindheitsforschung: Martha Muchow" (von Daniela Remus)  - erstmals ausgestrahlt am 21. März 2016 - würdigt Martha Muchow und skizziert ihre Forschungsarbeiten. Interviewauszüge u.a. von Hannelore Faulstich-Wieland, Günter Mey und Rainer Nicolaysen. Das Feature kann als Podcast bei BR gehört werden. Das Manuskript ist ebenfalls verfügbar: Podcast / Manuskript