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Forschungsplan

(zu empfehlen für Diplomarbeiten, Dissertationen, Seminararbeiten und andere Forschungsabenteuer)

Folgende Schritte schlage ich für die Durchführung einer soziologischen bzw. kulturwissenschaftlichen Arbeit, die sich der "qualitativen Methoden" bedient, vor:

  1. Überlegungen zum Interesse an dem Thema

    Es ist für jede Studie höchst reizvoll, wenn einleitend das Interesse am Forschungsgegenstand (z.B. am Leben einer Gruppe von Musikern im Wiener Prater) und das Entstehen dieses Interesses dargetan wird (z.B. als Gast in diversen Tanzlokalen, durch Berichte aus Zeitschriften usw.). Dies bereitet den Leser auf das Abenteuer der Forschung vor.

  2. Gedanken zum "Vorverständnis" zu dem betreffenden Thema

    "Vorverständnis" ist ein klassischer Begriff in den Geisteswissenschaften. Die Frage richtet sich nach dem Wissen bzw. nach den Theorien (vom altgriech. qewrein - zuschauen, betrachten, überlegen) , die ich zu diesem Thema kenne oder selbst bereits entwickelt habe (wie z.B. die Überlegung, dass Musiker mit Vorliebe Symbole verwenden, wie eine bunte Kleidung, um sich von anderen "feinen Leuten" abzugrenzen usw.). Um dieses "Vorverständnis" zu überprüfen, ist zunächst ein Blick in die spezielle Fachliteratur zu empfehlen (wie in H. Beckers Buch "Außenseiter", in dem er über Tanzmusiker geschrieben hat; in Bücher über den Wiener Prater). Das Vorverständnis leitet die ersten Schritte der "freien" Forschung, deren Prinzipien "Beweglichkeit" und "gegenseitiges Lernen" sind (bzw. "Offenheit" und "Kommunikation" – siehe Girtler 2001, S 55ff).

  3. Sammeln von Material – die Methoden (im Wort Methode stecken die altgriechischen Wörter meta – meta – für "nach" und odos – hodos – für "Weg". Methode ist also "der Weg, den man gehen muss, um ein Ziel zu erreichen").

    Es sind vor allem die Methoden im Sinne Max Webers und Robert E. Parks aus der Chicagoer Schule der Soziologie (Park baut auf der deutschen geisteswissenschaftlichen Tradition auf), die sich hier anbieten. Herauszufinden ist, wie die Menschen, deren Welt ich studieren will, ihre Welt selbst sehen und sie gestalten. Zu beschreiben sind also die (sozialen) Situationen, in denen Menschen handeln, denn in den Situationen zeigen sich die typischen Regeln des Handelns einer Gruppe (z.B. einer Situation, in der ein Musiker einer Besucherin sehr übertrieben die Hand küsst, mag die Regel zu Grunde liegen, dass Musiker durch besondere Höflichkeit Aufmerksamkeit erregen wollen). Die wichtigsten Forschungsmethoden sind die "teilnehmende Beobachtung" in der betreffenden Lebenswelt und das "ero-epische" (von altgriech. eromai – eromai – für "fragen" und epein - epein – für "erzählen") Gespräch (auch der Forscher erzählt bei diesem von sich – s. Girtler 2001, S 147ff.) mit den betreffenden Menschen. Ich empfehle – ich bin bei meinen Forschungen unter Ganoven, Bauern, Dirnen, Wilderern, feinen Leuten usw. so vorgegangen – zunächst ein gutes Gespräch mit jemandem aus der zu untersuchenden Lebenswelt, der genügend Erfahrungen besitzt. Auf diese Weise gelangt man zu Überlegungen (Theorien), die zeigen, in welche Richtung zu forschen ist (man erfährt z.B., dass Musiker im Prater gerne ihr Publikum zum Narren halten. Dem geht man nun in weiteren Gesprächen nach usw.). Man sammelt also nicht unkontrolliert Daten, sondern schaut sie jeweils genau an (interpretiert sie). Den neuen Überlegungen spürt man nun weiter nach (dies entspricht dem Prinzip der "Offenheit" – auf nichts anderes kommt die geheimnisvolle "Grounded Theory"). Es sind gute Kontakte zu den Menschen, deren Handeln beschrieben werden soll, aufzubauen (siehe dazu Girtler 2001 und 2004). Großer Mühe bedarf es allerdings, um gute Gesprächs- und Beobachtungsprotokolle zu führen. Ich empfehle breite Ränder, in denen die Bereiche, die für Interpretation und Gliederung der Arbeit bedeutsam sind, festgehalten werden (wie z.B. Kontakte der Musiker zum Publikum, Symbole, Strategien der Selbstdarstellung, Hierarchie, Rolle des Veranstalters ...). Zusätzlich sind historische Arbeiten (z.B. Bücher über die Geschichte des Praters), Gerichtsakte (z.B. über Raufereien im Prater), Zeitungsberichte, Tagebuchaufzeichnungen usw. sehr hilfreich (der Soziologe Peter Berger meint übrigens, die "soziologische Reise wäre nur halb so spannend, wenn das Gespräch mit dem Historiker fehlte"). Sinnvoll ist auch ein "Forschungstagebuch", in das Ärger, Probleme, Freuden usw. einzutragen sind. Die Forschung endet, wenn der oder die Forschende zu dem Schluss kommt, dass sich die Ergebnisse der Forschung wiederholen und keine wesentlich neuen Erkenntnisse mehr zu erwarten sind.

  4. Der nächste Schritt ist die abschließende Interpretation bzw. die Deutung der gesammelten Daten auf der Grundlage der Protokolle usw. Der gesamte Prozess des Datensammelns ist bestimmt durch dauerndes Interpretieren von Aussagen und Beobachtungen (vgl. oben). Interpretieren ist stets ein subjektives Verfahren. Eine echte Objektivität kann es nicht geben, man kann sich der "Wahrheit" nur annähern. Soziologie ist also Interpretation! Die Verantwortung für eine redliche Interpretation liegt im Forscher selbst. Wichtig ist herauszuarbeiten, wie das "typische" Handeln (im Sinne Max Webers) der betreffenden Menschen aussieht (siehe oben). Keineswegs geht es in den Kulturwissenschaften um "Gesetzmäßigkeiten", wohl aber um Tendenzen, also um typische Phänomene (dies zeigt der Wissenschaftstheoretiker K.O. Apel sehr klar auf – s. Girtler 2001).

  5. Der letzte Schritt ist die Darstellung der Ergebnisse der Interpretation. Nach Gedanken zum Interesse, zum Vorverständnis und zu den Methoden ist zu einer logischen Aufgliederung des erarbeiteten Materials zu schreiten (z.B. Biographien von Musikern, Strategien der Musiker, die Sprache der Musiker – "Geheimwörter", usw.). Wichtig für eine wissenschaftliche Arbeit ist das genaue Zitieren der Quellen (Bücher, Archiv- und Bildmaterial u.ä.) mit Jahreszahlen und Seitenangaben u.ä., sowie im Anhang eine Liste der verwendeten Literatur.

  6. In der Zusammenfassung sollen noch einmal kurz die einzelnen Schritte der Forschung und deren Ergebnis in Wesenszügen diskutiert werden. Für die Niederschrift ist eine schöne und klare deutsche Sprache zu empfehlen (die sich eher an Heinrich Heine als an "Sprachkünstlern", die in den Geistes- bzw. Kulturwissenschaften reich vertreten sind, orientiert).

Ich wünsche viel Freude und Glück beim Forschen und Schreiben!

Roland Girtler

Literatur

Roland Girtler (2001). Methoden der Feldforschung (4. Aufl.). Wien: UTB.

Roland Girtler (2004). 10 Gebote der Feldforschung. Wien: Lit.