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Das Konzept der "Projektwerkstatt qualitativen Arbeitens"

Das Online-Projekt, das internetbasiert vorgehalten wird und der Begleitung wissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten dient, basiert auf dem – ursprünglich für Offline-Gruppen entwickelten – Begleitkonzept der "Projektwerkstatt qualitativen Arbeitens" (PW), das seit 1994 weiterentwickelt wurde (Mruck & Mey 1998). Obwohl die PW in erster Linie der Beratung und Begleitung in methodischen Fragen dient, wird angenommen, dass ein solches Angebot immer dann besonders hilfreich und effektiv sein kann, wenn es strikt am Wissensstand, dem Bedarf und der persönlichen und sozialen Lage der Einzelnen anschließt. In diesem Sinne sind auch "außerfachliche" Probleme (z.B. Schreibängste, finanzielle Probleme, Beziehungsprobleme usw.) für die Arbeit relevant und in den Gruppen zu behandeln, wenn sie massiv in das Leben der Beteiligten und in das Gelingen oder Scheitern eines Qualifikationsvorhabens eingreifen.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wurde das Modell der "Themenzentrierten Interaktion" (TZI) von Ruth C. Cohn (1975) als Rahmen für die Arbeit in der PW hinzugezogen: Cohn entwickelte ein Verständnis von Interaktionen in Gruppen entlang der Eckpunkte Individuum (Ich), Thema bzw. Arbeitsaufgabe (Es), Gruppe (Wir) und dem die Eckpunkte umgebenden, sozialen, politischen und kulturellen System (Globe). Ziel der TZI ist es, eine "dynamische Balance" zwischen diesen Bereichen herzustellen. Da eine solche Balance jedoch immer nur vorläufig hergestellt werden kann, ist es Aufgabe der Gruppenleitung, mithilfe verschiedener technischer Regeln bzw. Vereinbarungen möglichen "Ich-", "Wir-" oder "Themen-Defiziten" entgegenzuarbeiten. Zentraler Teil dieser Regeln sind insbesondere die beiden Grundpostulate "sei dein eigener Chairman" und "Störungen haben Vorrang". In das Konzept der PW hat die TZI vor allem Eingang gefunden, da sie eine Systematik für die Klärung und Bewusstmachung der im Forschungsprozess wirksamen Einflussgrößen an die Hand gibt, und da sie erlaubt, ein Arbeitsklima zu schaffen, in dem die notwendige Auseinandersetzung mit diesen Faktoren überhaupt möglich ist.

Der PW können im Prozess der Betreuung von Qualifikationsarbeiten verschiedene Funktionen zukommen: Kolloquium, Interpretationsgemeinschaft, Supervision und Unterstützung/Begleitung:

Die Kolloquiumsfunktion betont die Vorstellung und Diskussion des jeweiligen methodischen Standes der Einzelarbeiten. Hier fungiert die PW vor allem als Informations- und Hinweisbörse z.B. für Literaturzugänge oder wichtige Gesprächspartner(innen) und als Unterstützung/Anleitung für das gemeinsame Erarbeiten von Erhebungs- und Auswertungsstrategien, wobei insbesondere zu Beginn die inhaltliche Präzisierung der Untersuchungsthemen und das erste Sondieren von Gegenstandswissen im Vordergrund stehen.

Die Funktion der PW als Interpretationsgemeinschaft beinhaltet z.B. die Deutung und Besprechung qualitativen Datenmaterials (Interview, Gruppendiskussion, Protokolle aus ethnografischen Studien etc.) in der Gruppe entlang der Fragen und Instruktionen der Verfasser/innen der Einzelarbeiten. Hierzu wird vor dem eigentlichen Besprechungstermin das zu bearbeitende Material von allen Teilnehmenden gelesen und alle während des Lesens auftretenden Deutungsideen, Phantasien, Auffälligkeiten etc. werden notiert. Entsprechend der Instruktionen der einzelnen Forscher/innen werden z.B. einzelne Textausschnitte feinanalytisch von den PW-Teilnehmenden bearbeitet.

Die supervisorische Funktion der PW besteht darin, die Möglichkeit zu schaffen, Bezüge zwischen den Deutungen, den jeweils deutenden Personen und der Gruppensituation herzustellen und damit zu einer Dezentrierung bzw. zu einer Strukturierung der Zusammenschau von Perspektiven beizutragen. Es sind mindestens zwei Wege möglich, um aus der Vielfalt der verfügbaren Deutungen "Verstehen zu organisieren": Im ersten Fall wird die PW von den Teilnehmenden, nachdem ihre Deutungsüberlegungen durch die Interpretationen der anderen eine Relativierung erfahren haben, vor allem als "Ideen-Supermarkt" genutzt. Dabei ziehen sich die Einzelnen entsprechend persönlicher, methodischer und theoretischer Präferenzen in die Auswertungsarbeit zurück und stellen zu einem späteren Zeitpunkt die erarbeiteten Kategoriennetze oder Fallbeispiele zur Diskussion. Eine zweite Nutzungsmöglichkeit besteht darin, die persönlichen Reaktionen z.B. auf Interviewmaterial und die Dynamik in der PW für den Prozess der Integration der gewonnenen Deutungen als zusätzliche Reflexionsmöglichkeit in Anspruch zu nehmen.

Und schließlich dient die Projektwerkstatt der Unterstützung und Begleitung der Teilnehmenden: Dies beinhaltet neben der gemeinsamen Kommentierung und Diskussion z.B. der produzierten Texte die Begleitung und Unterstützung bei teilweise auftretenden Blockaden, Ängsten oder anderen persönlichen oder sozialen Problemen; es können also Belastungen aus unterschiedlichen Regel- oder Bezugssystemen thematisiert werden. Insbesondere in der Schlussphase des Erstellens von Qualifikationsarbeiten kommt es häufig zu massiven Beeinträchtigungen anderer Lebensbereiche sowie zu einer teilweise massiven sozialen Vereinsamung; die PW kann insbesondere in dieser Phase entgegen der Anonymität des Hochschul- und Betreuungsalltages eine "zeitweilige Heimat" bieten.

Literatur

Mruck, Katja & Mey, Günter (1998). Selbstreflexivität und Subjektivität im Auswertungsprozeß biographischer Materialien – zum Konzept einer "Projektwerkstatt qualitativen Arbeitens" zwischen Colloquium, Supervision und Interpretationsgemeinschaft. In Gerd Jüttemann & Hans Thomae (Hrsg.), Biographische Methoden in den Humanwissenschaften (S.284-306). Weinheim: Beltz/PVU.

Cohn, Ruth C. (1975). Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart: Klett.

Siehe zur Arbeit in der NW auch:

Moritz, Christine in Zusammenarbeit mit der Leuchtfeuer-Arbeitsgruppe der NetzWerkstatt (2008). Eine "virtuelle Insel für Qual-Frösche": Erfahrungsbericht einer netzbasierten qualitativen Arbeitsgruppe im Rahmen des NetzWerkstatt-Konzepts [64 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(1), Art.3, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs090134.