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<META NAME="author" CONTENT="Karl Prokopp">
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<META NAME="keywords" CONTENT="Qualitative Sozialforschung, Qualitative Forschung, Interview, Gruppendiskussion, Biographieforschung, Teilnehmende Beobachtung, Ethnographie, L&auml;ngsschnitt, Interpretation, Trinagulation, Schulentwicklungsprozess, Protokolle, Lehrerkonferenzen, Aushandlungsprozesse, dokumentarische Methode, Transkripte, Anselm Strauss, Sinnrekonstruktion, Fallgeschichte, Graduiertenkolleg Schulentwicklungsforschung, technologischer Wandel, Schulbegleitforschung, Forschungskolloquium , Fritz Sch&uuml;tze, methodisch kontrolliertes Fremdverstehen, Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen, Basisregeln der Alltagskommunikation, teilnehmende Beobachtung, Grounded Theory, Chicago-Soziologie, negotiated order, Symbolischer Interaktionismus, Interaktion, Organisation, Organisationsentwicklung, Organisationsanalyse, Qualitative Organisationsanalyse, Qualitative Organisationsforschung, Sozialen Welten, situated learning, erz&auml;hltheoretischer Ansatz, Konversationsanalyse, Sequenzen, Prozessstrukturen, Statuspassagen, Verlaufskurve, Mehrebenenanalyse, Team-Modell, Kontrastierung, kontrastiver Vergleich, Paradoxien professionellen Handelns, Antinomien, theoretical sampling, Kategorien, Kategorisierung, Mikropolitik, micropolitics, Victor Turner, Karl Mannheim, strukturelle Beschreibung, Gegenhorizont, konjunktiver Erfahrungsraum, Fallstruktur, Theoretische Kontrastfigur, berufsbiographische Konstruktion, komparative Analyse, Schulkonzeption, Dokumentsinn, professionelles Selbstkonzept, Ausk&uuml;hlungsprozesse, Wissensbest&auml;nde, Interaktionsrahmen, Aktualtext, Adressat, Professionstheorie, Generationenkonflikt, Handlungsschemata, abstrakt-formale Konstruktion, Klassenkonferenz, Klassenlehrer, Konferenzleiter, soziales Drama, Handlungsformen, Handlungsraum, Grenzschwierigkeiten, Grenzph&auml;nomene der Interaktion, Verlaufskurvenproblem, Beziehungsstrukturen">
<title>Die Innenseite der Schulreform; Karl Prokopp</title>
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<tr><td valign="top" width="90%"><img border="0" ALT="Willkommen &#150; Forum Qualitative Schulentwicklung" src="Fotos/schule000.gif" width="130" height="98"></td></tr>
<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit">&nbsp;</p></td></tr>
<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="http://www.qualitative-research.net/" target="_blank">qualitative-research.net</a></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit">&nbsp;</p></td></tr>
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<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><b><A HREF="http://www.qualitative-forschung.de/publikationen/schulreform/">Home</A></b></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit">&nbsp;</p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><b>Innenseite der Schulreform (Buch)</b></p></td></tr>
 
<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="Vorwort.html">Vorwort: Fritz Sch&uuml;tze</a></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Inhalt.html">Inhaltsverzeichnis</a></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Kapitel1.html">Kapitel 1</a> (Einleitung)</p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Kapitel2.html"> Kapitel 2</a> (Protokolle)</p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Kapitel3.html"> Kapitel 3</a> (Interviews)</p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Kapitel4.html"> Kapitel 4</a> (Aktualtext)</p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Kapitel5.html"> Kapitel 5</a> (Auswertung)</p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Literatur.html">Literatur</a></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Anhang.html">Anhang</a> (Datenkranz)</p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Downloads.html">Downloads</a></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Biographie.html">Autor</a></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit">&nbsp;</p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Aktuell.html">Aktuelle Situation</a></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><img border="0" ALT="Forum Qualitative Schulentwicklung" src="Fotos/Schule2036.gif" width="130" height="97"></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Fotos.html">Fotostra&szlig;e</a></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit">&nbsp;</p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><b>Services</b></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Links.html">Links</a></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit"><a href="KP-Forum.html">Diskussionsforum</a></p></td></tr>

<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit">&nbsp;</p></td></tr>

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<tr><td valign="top" width="90%"><p class="zit">&nbsp;</p></td></tr>

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<td valign="top">
<p class="fqscoanf">Die Innenseite der Schulreform</p>
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<h4><a name="g1">1.</a></h4>
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<td valign="top" width="95%">
<h4>Einleitung</h4>
</td>
</tr>
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<table summary="FQS &#150; Header" border="0" cellspacing="0" width="100%">
<tr>
<td valign="top" width="5%">
<h5><a name="g11">1.1</a></h5>
</td>
<td valign="top" width="95%">
<h5>Gesamtschulen als Forschungsgegenstand</h5>
</td>
</tr>
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<table summary="FQS &#150; Main text" border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" width="90%">
<tr>
<td width="90%">
<p class="fqsanf">Seit der Bildungsreform am Ende der 60er Jahre und den mit ihr verbundenen Neugr&uuml;ndungen von Gesamtschulen gibt es eine &ouml;ffentliche Diskussion um Sinn und Zweck dieser neu entstandenen Schulform. Die ihr zu Grunde liegende Konzeption wurde anf&auml;nglich mit der gleichzeitig stattfindenden Studentenbewegung in Verbindung gebracht mit dem Ergebnis, dass den Bef&uuml;rwortern gesellschaftsver&auml;ndernde Absichten unterstellt wurden. Es ging den Begr&uuml;ndern dieser neuen Schulform allerdings nur &#150; wie auch in der &ouml;ffentlichen Diskussion bekundet wurde &#150; um die Erschlie&szlig;ung der Begabungsreserven bisher bildungsferner Bev&ouml;lkerungsschichten, die im sich abzeichnenden technologischen Wandel nach der auf den zweiten Weltkrieg und die Gr&uuml;ndung der Bundesrepublik folgenden technologisch noch konventionellen Aufschwungsphase gebraucht werden w&uuml;rden. Der Bedarf an geschultem Nachwuchs war zun&auml;chst noch durch Fl&uuml;chtlinge aus der DDR, dem zweiten deutschen Staat, gedeckt worden, musste nach deren Ausbleiben infolge des Mauerbaus 1961 aber selbst aufgebracht werden.</p>

<p class="fqs">Die urspr&uuml;ngliche Konzeption der Gesamtschulen, so wie sie vom Deutschen Bildungsrat in seinen Empfehlungen zur &quot;Einrichtung von Schulversuchen mit Gesamtschulen&quot; (1970) formuliert ist, verfolgt einen &uuml;ber das bis dahin g&uuml;ltige allgemeine Verst&auml;ndnis von Schulen hinausgehenden Ansatz und sieht eine &quot;wissenschaftliche Schule f&uuml;r alle&quot; vor. In den Formulierungen der Bildungskommission hei&szlig;t es dazu:</p>

<blockquote>
<p class="zit">&quot;Die Schule muss in jedem Fach die Beziehung zur Wissenschaft herstellen, sie mu&szlig; die Notwendigkeit der Spezialisierung aus den Grundlagen des wissenschaftlichen Denkens entwickeln, zugleich aber der Gefahr entgegenwirken, dass durch die Spezialisierung der Einblick in das Ganze und seine Zusammenh&auml;nge verloren geht. Die Schule ist abh&auml;ngig von Wissenschaft, bereitet auf Wissenschaft vor und macht die Grenzen der Wissenschaft bewusst. Sie soll die Ausstattung zum Leben in einer von der Wissenschaft bestimmten Welt vermitteln und damit auch die F&auml;higkeit zur individuellen Distanz gegen&uuml;ber den Sachzw&auml;ngen dieser Welt ausbilden.&quot; (Empfehlungen 1970, S.300)</p>
</blockquote>

<p class="fqs">Bei diesen Formulierungen handelt es sich allerdings lediglich um eine allgemeine Beschreibung der Zielsetzungen des Schulversuchs, wobei eine m&ouml;gliche &Uuml;berforderung der Sch&uuml;ler(innen) in Rechnung gestellt wird. Hierin zeigt sich aber bereits die Grundtendenz des Konzepts, sehr abstrakte Anspr&uuml;che an die neu zu gr&uuml;ndenden Schulen zu stellen, ohne die konkreten Bedingungen der Problematik des Aufwachsens dabei im Blick zu haben. Es wird von einer &quot;Individualisierung des Lernens&quot; gesprochen, die durch die Einf&uuml;hrung eines Systems von Fachleistungskursen zu erfolgen habe. Es solle den Sch&uuml;ler(inne)n erm&ouml;glicht werden, unter p&auml;dagogischer Anleitung durch die Lehrer(innen) individuelle Schwerpunkte zu finden, um das lernen zu k&ouml;nnen, was der eigenen Begabung entspreche. Damit solle der &quot;verbreiteten Schulpassivit&auml;t&quot; entgegengewirkt werden. Die Sch&uuml;ler(innen), die bisher in einem Zweig des dreiteiligen Schulsystems &#150; also in Haupt-, Realschulen und Gymnasien &#150; untergebracht und in ihren pers&ouml;nlichen Entfaltungsm&ouml;glichkeiten eingeschr&auml;nkt w&auml;ren, solle die Entwicklung ihrer individuellen &quot;Interessen, Neigungen und F&auml;higkeiten&quot; erm&ouml;glicht werden. Die verfr&uuml;hte Auslese nach der Grundschule bedeute eine Benachteiligung der Kinder aus den unteren Sozialschichten, und die andererseits &quot;positiv&quot; Ausgelesenen w&uuml;rden zugunsten eines &quot;nahezu vollst&auml;ndig verbalen Unterrichts&quot; von den Erfahrungen der praktischen Arbeit abgeschnitten. Die Gesamtschule mit ihrem Kurssystem biete die M&ouml;glichkeit, alle Lernbereiche auszunutzen und sei gleichzeitig mit einer gr&ouml;&szlig;eren Flexibilit&auml;t verbunden, wodurch sie in der Lage sei, die F&auml;higkeiten der Sch&uuml;ler(innen) optimal zu f&ouml;rdern. Fachspezifische Leistungsdifferenzierung erm&ouml;gliche es den Sch&uuml;ler(inne)n, in dem Fach, in dem sie sich stark f&uuml;hlten, in anspruchsvollere Kurse aufzusteigen, andererseits die F&auml;cher, in denen sie &quot;Leistungsausf&auml;lle und Motivationssperren&quot; aufwiesen, mit den Kursen, in denen sie gute Leistungen erbr&auml;chten, auszugleichen. Dadurch verringere sich das &quot;Problem des Sitzenbleibens&quot;, also der Wiederholung eines Jahrganges, das bei den betroffenen Sch&uuml;ler(inne)n oftmals zu schweren psychischen und sozialen Belastungen und zum vorzeitigen Schulabgang f&uuml;hre. Als Problem sieht die Kommission die M&ouml;glichkeit, dass sich die Sch&uuml;ler(innen) aus den unteren sozialen Schichten auch in den untersten Fachleistungskursen wieder finden k&ouml;nnten. Sie stellt aber fest, dass sich auf Grund bisheriger Forschungen die Hypothese aufstellen lie&szlig;e, dass eine solche Verbindung mit der sozialen Herkunft nur in den sprachlichen F&auml;chern &quot;besonders stark&quot; zu erwarten sei, dagegen &quot;in Mathematik geringer und in den Naturwissenschaften noch etwas geringer&quot; ausfiele. Der Gefahr einer ungerechtfertigten Auslese, wie sie bisher durch die zu fr&uuml;he Festlegung auf einen bestimmten Schultyp gegeben gewesen sei, wolle man in der Gesamtschule dadurch begegnen, dass &quot;in der Gesamtschule eine Leistungsdifferenzierung nicht zu fr&uuml;h und zun&auml;chst in wenigen F&auml;chern und in geringem Ausma&szlig;&quot; stattfinden solle. Die Wahl des Schulabschlusses erfolge in einer Gesamtschule sp&auml;ter als im dreigliedrigen System, in welchem die Wahl schon mit dem Eintritt in eine der drei m&ouml;glichen Schulformen erfolgt sei. Durch eine solche Verschiebung seien die Sch&uuml;ler(innen) in die Wahl ihres Abschlusses einbezogen und an der Entscheidung &uuml;ber ihren Bildungsgang und ihre k&uuml;nftigen Chancen beteiligt.</p>

<p class="fqs">Die Gesamtschule sei ein offenes System und entspreche mithin den Zielen einer offenen Gesellschaft. Die Vorstellungen hinsichtlich des sozialen Zusammenlebens der Kinder aus verschiedenen Bev&ouml;lkerungsschichten sind in den Empfehlungen des Bildungsrates dagegen eher verwaschen und werden selbst noch als kl&auml;rungsbed&uuml;rftig angesehen.</p>

<blockquote>
<p class="zit">&quot;Gemeinsame soziale Erfahrung in der Gesamtschule soll nicht die Anpassung an ein harmonisches Gemeinschaftsdenken erzielen. Die Begegnung der verschiedenen Sozialschichten in der gemeinsamen Schule kann vielmehr zur Entdeckung und zum Bewu&szlig;twerden der sozialen Unterschiede f&uuml;hren. Soziale Konflikte k&ouml;nnen artikuliert und gemeinsam diskutiert werden. Die Sch&uuml;ler gewinnen eher die Einsicht, dass die in der Familie selbstverst&auml;ndlichen Lebensformen nicht naturgegeben und unver&auml;nderlich sind. Die Distanz, die so gegen&uuml;ber der eigenen Herkunft und den bisher unreflektierten Lebensformen gewonnen werden kann, kann zugunsten einer Individualisierung wirken.&quot; (Empfehlungen 1970, S.308)</p>
</blockquote>

<p class="fqs">An dieser Stelle wird die Problematik von abstrakten Konzepten erkennbar. Das Zusammenf&uuml;hren von Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen sozialen Schichten wird als konflikttr&auml;chtig begriffen, doch wird einfach angenommen, dass die Bewusstmachung der Unterschiede zu einem distanzierten Verh&auml;ltnis zu sich selbst f&uuml;hren werde. Zwar wird die Notwendigkeit von Begleitforschung betont, doch ist sie durch ihren statistischen Survey-Charakter der Tendenz nach nur f&uuml;r diejenigen unmittelbar brauchbar, die mit Verwaltung befasst sind und nicht f&uuml;r diejenigen, die in der schulischen Praxis t&auml;tig sind, also die Angeh&ouml;rigen eines Lehrer(innen)kollegiums.</p>

<p class="fqs">Die Vorstellungen von der Funktionsweise der neuen Gesamtschulen im Gegensatz zum herk&ouml;mmlichen dreigliedrigen System, die erst nach der Einrichtung von Gesamtschulen &uuml;berpr&uuml;fbar geworden sind, haben zun&auml;chst sehr viele Kritiker auf den Plan gerufen und Begleitforschungen nach sich gezogen, von denen die Arbeitsgruppe um Helmut Fend (Fend 1974a, 1974b, 1976a, 1976b, 1977, 1979) eine Serie von Survey-Studien erstellt hat. In ihnen werden die neu gegr&uuml;ndeten Gesamtschulen den Schulen des dreigliedrigen Systems gegen&uuml;bergestellt und im Rahmen eines umfangreichen Befragungskataloges auf Merkmale wie Arbeitszufriedenheit der Lehrer(innen), Problemwahrnehmungen, kollegiale Beziehungen, Einstellungen, Sch&uuml;ler(innen)-Lehrer(innen)-Beziehungen usw. untersucht. Das Ergebnis lautet, dass sich Gesamtschulen nicht von anderen Schulformen unterscheiden w&uuml;rden, dass man vielmehr schultypunabh&auml;ngig von &quot;guten&quot; oder &quot;schlechten&quot; Schulen sprechen m&uuml;sse. Die Quintessenz dieser Ergebnisse ist die Suche nach den Besonderheiten der sog. &quot;guten&quot; Schulen, die sich im Bundesland Hessen 1985 in der Gr&uuml;ndung eines Arbeitskreises &quot;Qualit&auml;t von Schule&quot; beim &quot;Hessischen Institut f&uuml;r Bildungsplanung und Schulentwicklung&quot; (HIBS) niederschl&auml;gt.</p>

<p class="fqs">Hessen hat, neben Nordrhein-Westfalen, Berlin und den Hansest&auml;dten Hamburg und Bremen die gr&ouml;&szlig;te Zahl von Gesamtschulen. Der Grund daf&uuml;r liegt in der fl&auml;chenm&auml;&szlig;igen Umsetzung der vom Deutschen Bildungsrat anfangs empfohlenen Einrichtung von Gesamtschulversuchen. Vorgesehen war dabei, dass sie in einer zweiten Phase als Regelschulen erprobt werden sollten. Die CDU-regierten Bundesl&auml;nder, d.h. die s&uuml;ddeutschen, das Saarland und Schleswig-Holstein, vollzogen 1973 eine Kehrtwende und scherten mit dem formalen Argument der mangelnden Finanzierbarkeit aus der bisher gemeinsam getragenen Reform des Schulwesens aus. Die bereits eingerichteten Gesamtschulen wurden in diesen L&auml;ndern mit gro&szlig;er Skepsis betrachtet und kamen &uuml;ber das Stadium von Versuchsschulen nicht hinaus. Die 1975 endende zweite Amtsperiode des Deutschen Bildungsrates wurde auf Grund der Meinungsverschiedenheiten um keine weitere Periode verl&auml;ngert und so lief dessen Arbeit aus. Im Abschlu&szlig;bericht der Bildungskommission wird der Stand der Entwicklung bilanziert und festgestellt, dass die Entwicklung sehr ungleichm&auml;&szlig;ig verlaufen sei und sich nun die Frage stelle, ob &quot;die Gesamtschule als alternatives Schulsystem zur Dreigliedrigkeit oder als weitere Form angesehen (werde), die zu den traditionellen Schulformen (hinzukomme).&quot; (Deutscher Bildungsrat, 1975, S.175) Damit bleiben die eingerichteten Gesamtschulen in einem Schwebezustand, der ihre Existenz in Frage stellt, da offen bleibt, ob die anderen Bundesl&auml;nder, die nur &uuml;ber Versuchsschulen diesen Typs verf&uuml;gen, die in ihnen erteilten Abschl&uuml;sse anerkennen. Die 1982 von der KMK erzielte Vereinbarung sieht eine Gleichstellung der Gesamtschulabschl&uuml;sse mit denen des traditionellen Schulsystems vor, jedoch um den Preis einer klaren Unterscheidung der Leistungsanforderungen im dreistufigen Kurssystem der integrierten Gesamtschulen. Dieser Zustand wird erst Ende 1993 beendet, als die KMK beschlie&szlig;t, die Vielfalt der Schularten und Bildungsg&auml;nge anzuerkennen, die sich durch die neu hinzugekommenen Bundesl&auml;nder auf dem Territorium der ehemaligen DDR nicht mehr mit den Ma&szlig;st&auml;ben der alten Bundesl&auml;nder messen l&auml;sst. Mit dieser Entscheidung verloren die Gesamtschulen ihren bisherigen Sonderstatus und wurden den Schulen des dreigliedrigen Systems gleichgestellt.</p>

<p class="fqs">Die Nachteile der Organisationsform der integrierten Gesamtschulen, die ab Mitte der 70er Jahre mit steigenden Sch&uuml;ler(innen)zahlen zu k&auml;mpfen haben, werden an dem Trend erkennbar, alle Probleme organisatorisch l&ouml;sen zu wollen, wie Ulrich Steffens und Tino Bargel bemerken:</p>

<blockquote>
<p class="zit">&quot;Die Absolutheit des Kern-Kurs-Systems in gro&szlig;en B&auml;ndern, die Stundenplanerstellung unter Managementgesichtspunkten und unter optimalem Lehrereinsatz, der st&uuml;ndliche Raumwechsel, die st&auml;ndig wechselnden Lerngruppen, durchschnittlich zehn Lehrer in einer Klasse, Fachlehrerprinzip in m&ouml;glichst vollendeter Form (pro Fachlehrer 250 Sch&uuml;ler und mehr pro Woche), separater F&ouml;rderunterricht f&uuml;r Sch&uuml;ler, die im Regelunterricht Schwierigkeiten haben, diese und andere Gegebenheiten sind selbstverst&auml;ndliche Bestandteile von Gesamtschule und sind organisatorische Ausw&uuml;chse einer fehlverstandenen Operationalisierung von &quot;optimaler individueller F&ouml;rderung&quot; und Durchl&auml;ssigkeit. Welche Beziehungsqualit&auml;t zwischen Lehrer und Sch&uuml;ler sowie Sch&uuml;lern untereinander ein solches lernorganisatorisches Setting zur Folge haben kann, ist aus der Literatur hinreichend bekannt.&quot; (Steffens/Bargel, Beitr&auml;ge 1, 1987, S.7)</p>
</blockquote>

<p class="fqs">Als Alternative wird zeitgleich seit etwa der Mitte der 70er Jahre dar&uuml;ber nachgedacht, wie die sich angesichts steigender Sch&uuml;ler(innen)zahlen vergr&ouml;&szlig;ernden Gesamtschulen vor dem Verlust ihrer p&auml;dagogischen Handlungsf&auml;higkeit bewahrt werden k&ouml;nnten. Mit dem &quot;Team-Kleingruppen-Modell&quot; (TKM) sollen die Ausw&uuml;chse eines Massenbetriebes verhindert werden. Hinter diesem Begriff verbirgt sich das Konzept von &quot;Schulen in der Schule&quot;, d.h. von aus Lehrer(inne)n bestehenden Jahrgangsteams, die unabh&auml;ngig von der zentralen Planung in der Schule f&uuml;r die Belange ihres Jahrgangs selbst verantwortlich seien. Die einzelne Klasse wiederum werde aufgeteilt in Tischgruppen von Sch&uuml;ler(inne)n, die von den Klassenlehrer(inne)n auf Tischgruppenelternabenden zusammen mit den Eltern betreut w&uuml;rden. Der Schwerpunkt liege nicht mehr prim&auml;r auf der Vermittlung von Fachinhalten, sondern auf der Herstellung von tragf&auml;higen Beziehungen zwischen Lehrer(inne)n und Sch&uuml;ler(inne)n, die das Vermitteln von Unterrichtsinhalten st&uuml;tzen sollten. Indem in der Runde der Tischgruppe den Eltern die Lernprozesse ihrer Kinder transparent gemacht werden, werde eine Verbindung hergestellt zwischen dem Lernen in der Schule und der Sozialisation im Elternhaus. Die schulische Sozialisation erfolge damit nicht mehr abgekoppelt von den Aktivit&auml;ten des Elternhauses und die Lehrer(innen) k&ouml;nnten sich auf die Erziehungsbem&uuml;hungen der Eltern st&uuml;tzen oder zusammen mit ihnen eine Grundlage f&uuml;r das Sozialverhalten der Sch&uuml;ler(innen) herstellen.</p>

<p class="fqs">Die Einstellungsbegrenzungen f&uuml;r Lehrer(innen) in der zweiten H&auml;lfte der 70er Jahre und der folgende Einstellungsstopp zu Beginn der 80er Jahre beim gleichzeitigen Durchzug des ersten &quot;Sch&uuml;lerberges&quot; lassen die Grenzen des urspr&uuml;nglichen Gesamtschulkonzepts deutlich werden. Dazu kommt, dass auch im SPD-regierten Hessen Gesamtschulen von der Bev&ouml;lkerung nicht immer gewollt sind und es zum Teil erhebliche Vorbehalte gibt, die von der CDU-Opposition aufgegriffen werden und den negativen Effekt noch verst&auml;rken. Die SPD-gef&uuml;hrte Landesregierung zieht sich aus ihrem vormaligen Engagement in der Bildungspolitik zur&uuml;ck und &uuml;berl&auml;sst es den Lehrer(inne)n an den Gesamtschulen, die zum gr&ouml;&szlig;ten Teil neu eingestellt worden sind und &uuml;ber wenig Erfahrungen verf&uuml;gen, deren Konzept zu verteidigen. Das ist nur m&ouml;glich, weil es durch die Neueinstellungen im Orientierungshaushalt der Lehrerschaft der Gesamtschulen eine &quot;ideologische&quot; Komponente von Reform&uuml;berzeugungen und -interessen gibt, die entsprechend der Zusammensetzung des jeweiligen Kollegiums unterschiedlich ausgepr&auml;gt ist. Viele der Lehrer(innen) stammen aus der Generation, welche die Zeit der Studentenbewegung noch miterlebt hat und hegen idealistische Vorstellungen von der Unterst&uuml;tzung sozial Benachteiligter und der Durchsetzung eigener Interessen.</p>

<p class="fqs">In diese Phase f&auml;llt der Beginn der &Uuml;berlegungen an der Comenius-Schule, sich durch gezielte Initiativen selbst aus der desolat gewordenen Situation der Gesamtschulen zu befreien. Da keine Kontakte zu Hochschulen bestehen, gelingt es nicht, Interessenten f&uuml;r Schulbegleitforschung zu finden. Versuche zur Kontaktaufnahme bleiben ergebnislos.</p>

<p class="fqs">Das Ergebnis der Fend-Studie hat das Hauptinteresse von den Gesamtschulen weggelenkt. F&uuml;r den Arbeitskreis &quot;Qualit&auml;t von Schule&quot; beim HIBS steht nun die Betrachtung von Einzelschulen im Vordergrund, wobei die Schulform selbst keine gro&szlig;e Rolle mehr spielt. Gefragt wird nach dem, was die &quot;Qualit&auml;t&quot; einer einzelnen Schule ausmacht. Es wird dabei festgestellt, dass sich Schulen nur begrenzt durch die Schulaufsicht steuern lie&szlig;en, dass es vielmehr an der &quot;p&auml;dagogischen Einstellung&quot; liege, die im Kollegium vorhanden sei, wie es gelinge, den Unterrichtsbetrieb zu organisieren und daran, ob die Schule eine gewachsene &quot;Kultur&quot; habe. Qualit&auml;t habe somit etwas mit der Zusammenarbeit der Lehrer(innen) zu tun:</p>

<blockquote>
<p class="zit">&quot;Die spezifische Qualit&auml;t einer Schule kann damit als Resultat kollegialer Probleml&ouml;sungen begriffen werden, wobei die Art und Weise der gew&auml;hlten L&ouml;sungen von den wahrgenommenen Rahmenbedingungen und Problemkonstellationen, vom p&auml;dagogischen Anspruch und von der Bereitschaft und den F&auml;higkeiten der Kolleginnen und Kollegen sowie von den Aushandlungsprozessen im Kollegium und der Verbindlichkeit ihrer Einhaltung beeinflusst wird.&quot; (Steffens/Bargel, Beitr&auml;ge 1, 1987, S.2)</p>
</blockquote>

<p class="fqs">Die Schule sei diesem Verst&auml;ndnis nach keine Organisationsform mehr, wo Lehrer(innen)individuen in ihren einzelnen F&auml;chern unabh&auml;ngig voneinander die Sch&uuml;ler(innen) unterrichten w&uuml;rden, sondern ein gestaltbares Ganzes, das von den Lehrer(inne)n der Schule selbst entwickelt w&uuml;rde.</p>

<p class="fqs">&quot;Begreift man Schule als eine sich selbst gestaltende Individualit&auml;t, dann besagt dies zugleich, dass ein Kollegium das Schicksal seiner Schule selbst in der Hand hat. Ungeregelte Schulverh&auml;ltnisse und je nach Lehrer oder Lehrergruppe sich widersprechende Erziehungsauffassungen hinterlassen bei den Sch&uuml;ler(inne)n ebenso erzieherische Wirkung wie im Kollegium verabredete, klare Arbeitsstrukturen und eine argumentativ ausgehandelte, gemeinsam getragene Erziehungspraxis &#150; und sei dies nur in Form eines Minimalkonsenses. Es ist davon auszugehen, dass jede Schule ein Erziehungskonzept praktiziert, unbeschadet der Frage, ob dies bewusst vom Kollegium gestaltet ist oder dem Zuf&auml;lligen &uuml;berlassen bleibt. Den innerkollegialen Kooperations- und Aushandlungsprozessen ist deshalb eine besondere Bedeutung f&uuml;r die weitere Schulentwicklung zuzusprechen.&quot; (Steffens/Bargel, Beitr&auml;ge 1, 1987, S.3)</p>

<p class="fqs">Es komme darauf an, sich in einem Lehrer(innen)kollegium dar&uuml;ber zu verst&auml;ndigen, worin die Gemeinsamkeit der Gestaltung zu bestehen habe, welches Konzept man damit verfolge und sich durch st&auml;ndigen Erfahrungsaustausch &uuml;ber die p&auml;dagogischen Aktivit&auml;ten wechselseitig zu sensibilisieren. Durch Kooperation sollten dann die erkannten Probleme gemeinsam einer L&ouml;sung zugef&uuml;hrt und so die innovative Weiterentwicklung der Schule betrieben werden. Kooperation der Lehrer(innen) wird auch als Grundvoraussetzung angesehen, um das Verhalten und die Einstellungen im jeweiligen Kollegium l&auml;ngerfristig zu ver&auml;ndern.</p>

<p class="fqs">Konkretisiert wird dieses Konzept der Lehrerkooperation als Grundlage f&uuml;r eine Weiterentwicklung von Gesamtschulen durch Ursula D&ouml;rger (1992). Gesamtschulen aus drei Bundesl&auml;ndern sollen von 1989 bis 1991 in einem Projekt &quot;Lehrerkooperation&quot; versuchen, selbst Konzepte f&uuml;r eine bessere Zusammenarbeit zu entwickeln. Sie sieht die Gesamtschulen unter Wettbewerbsdruck durch den st&auml;ndig aufgezwungenen Vergleich mit Schulen des dreigliedrigen Systems stehend, wobei es den Kollegien oftmals schwerfalle, die damit verbundenen Herausforderungen realistisch einzusch&auml;tzen, da in ihnen Tradition und Selbstgewissheit der alten Schulen nicht vorhanden w&auml;ren und sie dazu neigen w&uuml;rden, sich zu &uuml;berfordern. Die Schulaufsichtsinstanzen w&uuml;rden sich darum bem&uuml;hen, Gesamtschulkollegien vor &Uuml;berforderung zu sch&uuml;tzen, indem sie &quot;Regelhaftigkeit und Verhaltensgewissheit&quot; herstellten, also Vorschriften zur Geltung br&auml;chten. Das habe aber den Effekt, dass Gesamtschulen dann unter der Hand zu Schulen w&uuml;rden wie alle anderen auch und die in ihnen auftauchenden Konflikte als l&ouml;sbare Probleme erscheinen w&uuml;rden, die durch kluges Management zu bew&auml;ltigen seien. Dabei w&uuml;rden aber die &quot;unaufgekl&auml;rten inneren Widerspr&uuml;che der Gesamtschule&quot; aus dem Blick geraten. (D&ouml;rger 1992, S.21)</p>

<p class="fqs">Als Leitfaden zur Dramaturgie des Ver&auml;nderungsprozesses schl&auml;gt sie folgende Arbeitsschritte vor:</p>
<uL>
<li class="liste"><p class="liste">Das Subjekt einer Gesamtschule ist das Kollegium.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Das Kollegium wird durch seine Konzeptgruppe repr&auml;sentiert.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe macht sich &uuml;ber ihre Gesamtschule kundig.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe vergleicht ihre Schule mit anderen Gesamtschulen.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe diskutiert Verbesserungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r ihre Gesamtschule.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe pr&uuml;ft, ob das Kollegium die Praxis als ver&auml;nderungsbed&uuml;rftig ansieht.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe entwirft ein Modell als Organisationsrahmen f&uuml;r eine ver&auml;nderte Praxis.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe plant ein Programm zur schrittweisen Ver&auml;nderung.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe wirbt f&uuml;r die gew&uuml;nschte Ver&auml;nderung.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Das Kollegium diskutiert die Ziele, die mit der Ver&auml;nderung erreicht werden sollen.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe bereitet Entscheidungen des Kollegiums vor.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Das Kollegium setzt sich mit den Konsequenzen f&uuml;r die individuelle Lehrerarbeit auseinander.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Das Kollegium findet Wegbereiter f&uuml;r die Entwicklung der neuen Praxis.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe ber&auml;t mit dem ersten Team, wie die Ver&auml;nderungen angefangen und unterst&uuml;tzt werden k&ouml;nnen.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe organisiert die Vermittlung der Praxiserfahrungen an das Kollegium.</p></li>
<li class="liste"><p class="liste">Die Konzeptgruppe pr&uuml;ft die Praxis auf ihre &Uuml;bereinstimmung mit den gew&uuml;nschten Zielen.<br>
</uL>

<p class="fqs">Das Konzept der Lehrerkooperation &auml;hnelt den Vorschl&auml;gen, die von Hans-G&uuml;nter Rolff vom Dortmunder &quot;Institut f&uuml;r Schulentwicklungsforschung&quot; zum &quot;Institutionellen Schulentwicklungsprozess&quot; (ISP) gemacht werden, der als schulische Sonderform des allgemeiner gefassten Konzepts der &quot;Organisationsentwicklung&quot; (OE) gilt (Dalin, 1986; Rolff 1993; Dalin/Rolff/Buchen, 1995; Buhren/Rolff, 1996). Schulentwicklung, die nicht mehr allein als Entwicklung von Gesamtschulen verstanden wird, ist hierbei ein von au&szlig;en durch Moderatoren gelenkter Prozess, bei dem die Untersuchungsergebnisse sofort wieder in die Beratung eingehen. Dabei wird das Konzept eines aufeinander aufbauenden mehrphasigen Prozesses zu Grunde gelegt. Begonnen wird mit einer &quot;Einstiegsphase&quot;, bei der sich die Berater und das Kollegium kennenlernen und die Berater versuchen, die vorhandene Beziehungsstruktur zu ergr&uuml;nden. Ihr folgt eine &quot;Diagnosephase&quot;, bei der es um eine gemeinsame Analyse und Problembeschreibung der Schule geht. Dem schlie&szlig;t sich eine &quot;Zielerkl&auml;rungsphase&quot; an, in der Entwicklungsziele bestimmt werden und die konkrete Planung von Handlungsschritten erfolgt. In der &quot;Institutionalisierungsphase&quot; dann werden die als Projekte deklarierten einzelnen Vorhaben von daf&uuml;r verantwortlichen Gruppen umgesetzt bzw. Schritt f&uuml;r Schritt in die schulischen Arbeitsabl&auml;ufe integriert. Als institutionalisiert k&ouml;nnen sie erst dann gelten, wenn sie Bestandteil des Schulalltags geworden sind. Dieses aktionsorientierte Konzept von Schulentwicklungsforschung steht aber immer vor dem Problem, dass die von au&szlig;en kommenden Moderatoren zwar den Vorteil haben, festgefahrene Beziehungsstrukturen mit ihrem fremden Blick erfassen und analysieren zu k&ouml;nnen, gleichzeitig aber auch Fremde bleiben und deshalb die Nuancen des internen Verst&auml;ndnisses von den Alltagsproblemen der Schule, die weiter unten als Orientierungsmuster im &quot;konjunktiven Erfahrungsraum&quot; der Lehrer(innen) bezeichnet werden, nicht genau heraussp&uuml;ren k&ouml;nnen. Der Versuch, mit einem Fragebogen diesem Umstand beizukommen, birgt die Gefahr, die f&uuml;r die Lehrer(innen) bestehenden Probleme zu reduzieren und dann in der weiteren Entwicklung nicht mehr verstanden zu werden.</p>

<p class="fqs">In beiden F&auml;llen steht das &quot;Wie&quot; des Ver&auml;nderungsprozesses im Mittelpunkt. Es geht nicht mehr um abstrakte gesellschaftspolitische Ziele, sondern nur um die Anpassung der Gesamtschulen bzw. inzwischen der Schulen &uuml;berhaupt an ver&auml;nderte gesellschaftliche Bedingungen. Dabei hat die Reform ihr Gesicht ver&auml;ndert. Sie ist nicht l&auml;nger von oben verordnet und ausgedacht in repr&auml;sentativen Gremien, sondern soll getragen werden von den Betroffenen selbst.</p>

<p class="fqs">Es gibt keine &quot;Bildungspolitik&quot; im alten Sinne mehr. Die Aufbruchstimmung der sp&auml;ten 60er und fr&uuml;hen 70er Jahre ist bald verflogen, die nicht ganz unberechtigten Furcht der Mehrheit in der Bev&ouml;lkerung vor unbedachten Entscheidungen und der Furcht der Politiker vor ihrer eigenen Courage tragen dazu bei, dass keine Entwicklung mehr in Gang kommt. Die m&uuml;hsame Herstellung von Kompromissformeln und das Leben-M&uuml;ssen mit ihnen hat mit der Zeit eine defensive Stimmung erzeugt, wo es sinnvoller zu sein scheint, in Deckung zu bleiben und die Ver&auml;nderung denjenigen zu &uuml;berlassen, die davon betroffen sein werden. Durch diesen Umstand hat ein demokratisches Element in die Gestaltung dessen, was man heute als Bildungspolitik bezeichnen k&ouml;nnte, Einzug gehalten. Die Politiker beschr&auml;nken sich darauf, die Rahmenbedingungen f&uuml;r die Schulen zu schaffen, die diese dann selbst auskleiden m&uuml;ssen.</p>

<p class="fqs">Nach der Zeitspanne des Untersuchungszeitraumes wird in Hessen an Stelle der alten Schulgemeinde eine &quot;Schulkonferenz&quot; eingerichtet (1993/94), wodurch den Eltern ein gr&ouml;&szlig;eres Mitspracherecht einger&auml;umt wird. Dann soll durch &quot;Schulverb&uuml;nde&quot; eine engere Verbindung hergestellt werden zwischen Sekundarstufen-I-Schulen, also gr&ouml;&szlig;tenteils Gesamtschulen, und den Sekundarstufen-II-Schulen, den Oberstufengymnasien, welche die Absolventen der Sekundarstufen-I-Schulen mit einer &Uuml;bergangsqualifikation aufnehmen m&uuml;ssen. Den Einzelschulen wird in begrenztem Rahmen &quot;Autonomie&quot; gew&auml;hrt, damit sie freie Hand haben bei der Weiterentwicklung ihrer Schulkonzeption. Ein Grund f&uuml;r den R&uuml;ckzug der Politik aus dem Bildungsbereich liegt aber auch darin, dass die L&auml;nderkassen leer sind und kein Geld mehr f&uuml;r Gestaltungsvorstellungen vorhanden ist. Die Diskussionen dar&uuml;ber, ob die Schulen in Zukunft ihre Geb&auml;ude in Eigenregie reinigen sollen, weil der jeweilige Schultr&auml;ger keine Mittel f&uuml;r eine Reinigungsfirma aufbringen kann, zeigt, dass in Zukunft aus einer ganz anderen Richtung Einflussnahme zu erwarten ist. Die Gesamtschulen werden sich in Zukunft immer mehr um die Einwerbung von privaten F&ouml;rdermitteln k&uuml;mmern m&uuml;ssen. In diesem Zusammenhang sind Kampagnen interessant, die sich auf Modernisierungsstrategien in der Wirtschaft konzentrieren und dabei die Schulen einbeziehen wollen. Die Aktion &quot;Schulen ans Netz&quot;, die von der Bundesregierung zusammen mit der Telekom betrieben wird, wird von einer europ&auml;ischen Initiative unterst&uuml;tzt, die in ihrem Aktionsplan &quot;Lernen in der Informationsgesellschaft&quot; besonders Primar- und Sekundarschulen der EG ansprechen und dazu anregen m&ouml;chte, das Internet f&uuml;r den Unterricht zu nutzen. Dadurch, dass Schulen dazu gedr&auml;ngt werden sollen, die neuen M&ouml;glichkeit von Informationstechnologien zu nutzen und hierf&uuml;r angesichts leerer Kassen Geldmittel zur Verf&uuml;gung gestellt werden, besteht aber die Gefahr, dass wieder der Blick verstellt wird auf die &quot;unaufgekl&auml;rten inneren Widerspr&uuml;che&quot; der Gesamtschulen, von denen Ursula D&ouml;rger spricht. Die Einbeziehung des Internets bedeutet eine g&auml;nzlich neue Situation f&uuml;r die Schulen insgesamt. Damit ist ein &auml;hnlicher Umbruch im Gange wie zuletzt in den 60er Jahren mit dem Unterschied, dass es nun nicht mehr darum geht, die Schulen den Bedingungen der ver&auml;nderten Gesellschaft anzupassen, wodurch andere Inhalte und ein anderes Wissen erforderlich geworden sind, sondern dass inzwischen der technische Wandel einen solchen Beschleunigungsprozess erfahren hat, dass es gar nicht mehr m&ouml;glich ist, stabile Berufsbilder zu entwickeln, und der Prozess des Lernens selbst, die F&auml;higkeit zum eigenst&auml;ndigen Probleml&ouml;sen bei gleichzeitiger Zusammenarbeit mit anderen im Mittelpunkt steht. Fachinhalte sollen nicht mehr gelernt werden wie unab&auml;nderliche Wahrheiten, sondern entweder als Gebrauchswissen oder als vorl&auml;ufige Informationen, die einem st&auml;ndigen Ver&auml;nderungsprozess unterliegen.</p>

<p class="fqs">Nach diesem kurzen &Uuml;berblick &uuml;ber die Entwicklung der Gesamtschulen und die zeitbezogenen Untersuchungsstrategien, die zur Gegenwart hin immer mehr den Charakter eines neuaufgelegten, aber inhaltlich ver&auml;nderten Action-Research haben, stellt sich nun die Frage, was bei letzteren Untersuchungen zu kurz kommt. Nicht im Blickfeld, wenngleich nicht unbemerkt sind die &quot;inneren Widerspr&uuml;che&quot; der Schulen, um die sich die von au&szlig;en kommenden Rechercheure auch nicht k&uuml;mmern k&ouml;nnen, da hinter jeder Untersuchung die unausgesprochene Absicht steht, die Schulen bei ihrer Entwicklung zu unterst&uuml;tzen. Die inneren Widerspr&uuml;che der Gesamtschulentwicklung k&ouml;nnen in ihrer Genese und in ihrer weiteren Entwicklung nur dann ad&auml;quat nachgezeichnet und analysiert werden, wenn dies in Form einer L&auml;ngsschnittuntersuchung geschieht, d.h. bei einer langdauernden Untersuchung mit einem l&auml;ngeren Aufenthalt am Untersuchungsobjekt. Sie sind nur dann recherchierbar, wenn die Verh&auml;ltnisse aus eigener Anschauung bekannt sind.</p>

<p class="fqs">Damit ist die vorliegende Arbeit angesprochen. Der Autor war &uuml;ber den Zeitraum von 1979 bis 1993 Lehrer an der Comenius-Schule, in die dort stattfindenden Entwicklungsprozesse involviert und konnte somit Material sammeln, an das Au&szlig;enstehende nicht herangelassen werden. Bei Aufnahme der Arbeit an dieser Untersuchung stellte sich f&uuml;r ihn die Frage, wie es m&ouml;glich sein k&ouml;nnte, Distanz herzustellen zu den eigenen Erlebnissen, um zu vermeiden, immer wieder eingefangen zu werden von vergangenen Eindr&uuml;cken. In der Erinnerung an sie kamen die Verbundenheit mit der eigenen Praxis in der Comenius-Schule zum Vorschein und der Wunsch, Schule zum Besseren hin zu ver&auml;ndern. Dann bestand die Verpflichtung &#150; oder es wurde zumindest so empfunden &#150; den Personen gerecht zu werden, mit denen &uuml;ber Jahre hinweg Kontakte gepflegt wurden und sich von eingefahrenen Sichtweisen dabei zu l&ouml;sen. Eigentlich w&auml;re eine die Arbeit begleitende Supervision notwendig gewesen, aber es bestand keine Gelegenheit dazu und die Zeit tat ein &Uuml;briges, um ein sachliches Verh&auml;ltnis zu den Daten entstehen zu lassen. Namen und Orte, zum Teil die zeitlichen Abl&auml;ufe sind alle maskiert worden, um ein Erkennen zu verhindern. Begleitet wurde der Prozess der Erarbeitung des Materials durch Sitzungen des Forschungskolloquiums von Fritz Sch&uuml;tze und durch den Diskussionszusammenhang des Graduiertenkollegs &quot;Schulentwicklungsforschung an Reformschulen&quot;, das seit 1993 an den Universit&auml;ten Kassel und Bielefeld, seit 1995 auch an den Universit&auml;ten Magdeburg und Jena besteht. Im Graduiertenkolleg geht es darum, die Reformpraxis einzelner Schulen untersuchen, um auf diese Weise Erkenntnisse &uuml;ber Ver&auml;nderungsprozesse von Schulen zu gewinnen. Verschiedene Ans&auml;tze aus Erziehungswissenschaft, Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaften werden miteinander verbunden, um herauszufinden, wie einzelne Schulen auf sich wandelnde gesellschaftliche Strukturen selbst Antworten gefunden haben. Dabei hat sich mit der Zeit immer mehr ein interpretativ orientierter Ansatz der Schulentwicklungsforschung herausgebildet, in dessen Kontext die vorliegende Arbeit einzuordnen ist.</p>

<p class="fqs">Es handelt sich um eine Untersuchung der &quot;Innenwelt&quot; von Schule, also des Teils, der auf den ersten Blick nicht zu sehen ist. Bei einer solchen Herangehensweise, die das Innere der Schule untersuchen m&ouml;chte, stellt sie sich als ein komplexes Gebilde von menschlichen Beziehungen dar, das nicht mehr viel von dem an sich hat, was von au&szlig;en her als &quot;Organisation&quot; bezeichnet wird. Von innen her gesehen handelt es sich lediglich um einen Zusammenhang von Beziehungsstrukturen und routineartigen Arbeitsabl&auml;ufen, die sich fest in die Gedankenwelt von Lehrer(inne)n und Sch&uuml;ler(inne)n eingegraben haben.</p>

<p class="fqs">Die nun folgende Untersuchung &uuml;ber die &quot;Innenseite der Schulreform&quot; hat das Ziel, die Mechanismen herauszufinden, welche die Anstrengungen bei der Umsetzung von Reformkonzepten zur Weiterentwicklung von Gesamtschulen behindern oder gar zunichte machen. In der Regel wird angenommen, dass ein tragf&auml;higes Konzept, eine einf&uuml;hlsame wissenschaftliche oder schulaufsichtliche Begleitung und ein motiviertes Kollegium ausreichen w&uuml;rden, um eine solche &quot;Reform der Reform&quot; in Gang zu setzen und weiterzuf&uuml;hren. Es scheint aber so zu sein, dass weitaus mehr Gesichtspunkte zu beachten sind als allgemein angenommen wird, um eine begonnene Reform der Reform zu stabilisieren. In der vorliegenden Dissertation soll versucht werden, am Beispiel einer integrierten Gesamtschule die Ursachen f&uuml;r das Steckenbleiben oder Versanden der Bem&uuml;hungen um Ver&auml;nderung herauszufinden.</p>

<p class="fqs">Sie ist als Langzeituntersuchung angelegt, die sich dem Problem von drei Seiten her n&auml;hert. Ausgangspunkt ist die von den Lehrer(inne)n selbstinitiierte Weiterentwicklung des urspr&uuml;nglichen Modells der Gesamtschule hin zu einer Konzeption der engen Zusammenarbeit der Lehrer(innen) in Jahrgangsteams. Von diesen Daten zur historischen Entwicklung der Schule aus, vom subjektiven Empfinden der Lehrer(innen) und von der Beobachtung des Verst&auml;ndigungsrituals in einer Lehrerkonferenz wird versucht, die bisher unbeobachtet gebliebene Gesichtspunkte ausfindig zu machen, die dazu beitragen, dass die angestrebte Konzeption des &quot;Team-Modells&quot; nicht in der beabsichtigten Weise umgesetzt werden konnte.</p>

<p class="fqs">Ziel ist auch, mit dieser Untersuchung Reflexionsprozesse dar&uuml;ber in Gang zu setzen, was an Schulen &uuml;berhaupt ver&auml;ndert werden kann, wie angesetzt werden muss und worauf es ankommt, inwiefern eine Reformkonzeption am Anfang n&ouml;tig ist und wieweit sie sich an jeder Schule anders erst mit der Zeit entwickeln muss.</P>
</td></tr></table>
 
<table summary="FQS &#150; Header" border="0" cellspacing="0" width="100%">
<tr>
<td valign="top" width="5%">
<h5><a name="g12">1.2</a></h5>
</td>
<td valign="top" width="95%">
<h5>Fallstudien als Instrument interpretativer Schulentwicklungsforschung &#150; &Uuml;berlegungen zum theoretischen Modell</h5>
</td>
</tr>
</table>

<table summary="FQS &#150; Main text" border="0" cellpadding="0" cellspacing="0" width="90%">
<tr>
<td width="90%">
<p class="fqsanf">Die vorliegende Untersuchung ist &#150; wie oben bereits angedeutet &#150; als &quot;Fallstudie&quot; angelegt. Damit ist eine Konzeption gemeint ist, wie sie in der Chicago-Soziologie entwickelt worden ist. Dort ging es zun&auml;chst darum, im Rahmen von Feldstudien soziale Prozesse in ihrem nat&uuml;rlichen Ablauf nachzuzeichnen. In der Tradition der &quot;social surveys&quot;, d.h. Studien zur sozialen Lage der unteren Bev&ouml;lkerungsschichten, mit denen sich die Verantwortlichen einen &Uuml;berblick verschaffen wollten, wurden insbesondere Probleme von Einwanderern untersucht (Thomas/Zaniecki 1918-20), Ver&auml;nderungen eines Stadteils (Zorbaugh, 1929), Ver&auml;nderungen von Einrichtungen der Unterhaltungsindustrie (Cressey, 1932), Auswirkungen sozialer Milieus auf das Sozialverhalten Jugendlicher (Thrasher, 1927; Shaw, 1930) und Schulen als Austragungsort von Konflikten zwischen Lehrer(inne)n und Sch&uuml;ler(inne)n, wobei problematisiert wird, ob das Ordnungssystem der Schule die ihm unterstellte Stabilisierungsfunktion auch wahrnehmen k&ouml;nne (Waller, 1932). Das diesen Studien zu Grunde liegende Erkl&auml;rungsmodell ist das der &quot;natural history&quot;, einem Verfahren, mit dem ein sozialer Prozess in seinem nat&uuml;rlichen Ablauf rekonstruiert wird. Charakteristisch f&uuml;r diese Studien ist, dass sie keine vorgefertigten Hypothesen haben, sondern sich auf die Informationen st&uuml;tzen, die das Forschungsfeld ihnen liefert, um mit ihrer Hilfe dann &quot;patterns&quot; herauszufinden, die nachtr&auml;glich eine Ordnung im erhobenen Material herzustellen erlauben. Diese patterns sind auf den Untersuchungsgegenstand, den einzelnen &quot;Fall&quot;, bezogen und schwerlich &uuml;bertragbar auf andere &quot;F&auml;lle&quot;. Erst die weitere Abstraktion schafft die M&ouml;glichkeit eines Vergleichs oder der &quot;Kontrastierung&quot;. Eine solche Vorgehensweise liegt aber nicht die Absicht dieser fr&uuml;hen Untersuchungen. Es geht vielmehr darum, durch die Anordnung des erhobenen Materials &#150; dessen Umfang weitaus umfassender ist als der schlie&szlig;lich pr&auml;sentierte Teil &#150; also durch seine &quot;sampling logic&quot; das Signifikante an ihm herauszustellen. Durch diese Anordnung werden die an Orte gebundenen sozialen Situationen in ihrem zeitlichen Ablauf repr&auml;sentiert und somit durchschaubar gemacht.</p>

<p class="fqs">Man k&ouml;nnte F&auml;lle auch als Gegenst&auml;nde exemplarischer Einzeluntersuchungen begreifen, in denen es darum geht, vor allem die Beziehungen von Menschen in den Blick zu nehmen, d.h. von Individuen, die nach eigenen milieubedingten Kriterien handeln, welche sich nicht genau festschreiben lassen, vielschichtig sind, von der unmittelbaren Kommunikationssituation abh&auml;ngen und sich einer Schematisierung im obigen Sinne entziehen. Es kommt in einem solchen Zusammenhang darauf an, das Verhalten der Menschen zu beobachten, sie zu befragen und die dabei entstehenden Dokumente ihrer T&auml;tigkeit auszuwerten. Die Erwartung der &Uuml;bertragbarkeit von Ergebnissen wird ersetzt durch die Herausarbeitung von besonderen Merkmalen der zu Grunde liegenden sozialen Handlungen. Bei den zur Anwendung kommenden qualitativen Methoden geht es darum, mit unterschiedlichen methodischen Zug&auml;ngen soziale Prozesse, soziales Handeln und die dieses Handeln leitenden Orientierungsbest&auml;nde der Gesellschaftsmitglieder zu erfassen und in ihren Voraussetzungen und ihrer Struktur zu analysieren.</p>

<p class="fqs">Grundlage der Untersuchung bildet &quot;methodisch kontrolliertes Fremdverstehen&quot; (Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen, 1973, Bd.2, S.433ff.), d.h. die Reflexion &uuml;ber den Forschungsprozess, der zugleich auch Kommunikationsprozess ist, und auf Basisregeln der Alltagskommunikation aufbaut. Es geht darum, m&ouml;glichst nahe am sozialen Geschehen zu sein und die sozialen Prozesse so zu erfassen, dass die in ihnen Handelnden zu Wort kommen und in ihrer eigenen Sprache von den Dingen berichten, die ihnen selbst als Akteuren wichtig sind. Das kann durch Beobachtung ihres Handelns und durch Aufzeichnen ihrer &Auml;u&szlig;erungen, durch gezieltes Befragen oder durch Erz&auml;hlenlassen erfolgen. Sprachliche &Auml;u&szlig;erungen werden bei diesen Beobachtungen einerseits als Aktivit&auml;t zur Herstellung von sozialen Beziehungen und andererseits als Ausdruck von vorhandenen sozialen Beziehungen gesehen, die sich bei genauer Untersuchung in ihnen wiederfinden lassen.</p>

<p class="fqs">Wenn man Sprache als Informationstr&auml;ger und zugleich als soziales Instrument betrachtet und davon ausgeht, dass in ihr Informationen enthalten sind &uuml;ber die Beziehungsstruktur der Individuen, dann erweist sich die Sinnstruktur der Sprache als unl&ouml;sbar verbunden mit dem sozialen Handlungsablauf. Es stellt sich dann die Frage nach dem Ablaufmuster in den &Auml;u&szlig;erungen, um von dort aus R&uuml;ckschl&uuml;sse zu ziehen auf das Wissen der Handelnden und die Bedeutung, die sie eigenen und fremden Handlungen zumessen. F&uuml;r die Praxis der Untersuchung hei&szlig;t das, die &Auml;u&szlig;erungen der Akteure schriftlich festzuhalten, sie auf diese Weise Texte produzieren zu lassen, und diese Texte dann einer Analyse zu unterziehen.</p>

<p class="fqs">Die &quot;teilnehmende Beobachtung&quot; und Befragung der &quot;natural history&quot;-Untersuchungen ist in heutiger Zeit erweitert worden von neuen Formen der Untersuchung, die durch die technische Weiterentwicklung der Beobachtungsmedien m&ouml;glich geworden sind. Neben der traditionellen Methode der Auswertung von schriftlichen Aufzeichnungen gibt es inzwischen die M&ouml;glichkeiten der audiovisuellen Fixierung von sozialen Situationen. Fallstudien k&ouml;nnen somit &uuml;ber die traditionellen Formen der &quot;teilnehmenden Beobachtung&quot; und die Auswertung von Befragungen hinaus, neue Formen der Untersuchung wie narrative oder themenzentrierte Interviews, Video- bzw. Audioaufzeichnungen von Diskussionen, von Aktionen in der &Ouml;ffentlichkeit usw. einbeziehen. Durch die elektronischen Aufzeichnung und M&ouml;glichkeit der Erhaltung des unmittelbaren Interaktionskontextes werden weitergehende Formen der Analyse m&ouml;glich. Fallstudien lassen sich somit pr&auml;ziser gestalten, da eine genaue Textanalyse zu Grunde gelegt werden kann.</p>

<p class="fqs">Das von Anselm Strauss und Barney Glaser entwickelte Analyseverfahren der &quot;Grounded Theory&quot; stellt ein Instrumentarium bereit, sich mit unterschiedlichem Datenmaterial auseinanderzusetzen und &uuml;ber einen fortgesetzten Prozess der Datenanalyse, d.h. &uuml;ber die &quot;Kategorisierung&quot; von Einzelhandlungen und die Verkn&uuml;pfung der gefundenen Kategorien durch kontrastive Vergleiche zu immer abstrakteren Ebenen zu gelangen, bis jeder Aspekt des zu analysierenden Untersuchungsgegenstandes einbezogen ist. Durch die fortlaufenden Kategorisierungen und den damit verbundenen Prozess der Verdichtung der Kategorien wird es m&ouml;glich, f&uuml;r den gesamten Fall einen theoretischen Erkl&auml;rungszusammenhang zu finden. Es muss immer wieder &uuml;berpr&uuml;ft werden, inwiefern neu gefundene Kategorien Auswirkungen haben auf bereits getroffene Schlussfolgerungen. Erst im Laufe dieser immer wieder erforderlichen Ver&auml;nderungen im theoretischen Ger&uuml;st wird mit der Zeit die Struktur des Untersuchungsgegenstandes sichtbar (Glaser/Strauss 1967, Strauss 1991, Strauss/Corbin 1996). Das &quot;Grounded Theory&quot;-Verfahren ist, wie Anselm Strauss betont, lediglich ein &quot;Analysemodus&quot;, um &uuml;ber fortschreitende Abstraktion zu einem Verst&auml;ndnis der Zusammenh&auml;nge sozialen Handelns in einem begrenzten Bereich zu kommen. Es handelt sich also um keinen geradlinigen Analyseprozess, sondern um ein Miteinander-in-Verbindung-bringen von allen Aspekten des Untersuchungsgegenstandes durch Vergleiche, wobei es zu Beginn der Untersuchung noch keine Vorstellungen dar&uuml;ber gibt, was sich am Ende abzeichnen wird.</p>

<p class="fqs">Fallstudien in der Art der Chicago-Soziologie hatten immer eine nicht ausformulierte Leitidee. Sie wollten aufmerksam machen auf ein soziales Problem, das fokussiert werden musste, wobei die dabei erhobenen Daten nur wiedergegeben zu werden brauchten. Mit der Analyseform der &quot;Grounded Theory&quot; wird der Blick ohne eine solche Leitidee auf soziale Situationen gerichtet. Dabei sind verschiedene Ankn&uuml;pfungspunkte m&ouml;glich. Zum Beispiel wird die von Blumer herausgearbeitete &quot;interaktionistische&quot; Fragestellung erweitert, indem auf die Form der Interaktion bei Gro&szlig;gruppen verwiesen wird. Wenn sich der Kreis der Interagierenden &uuml;ber die Struktur einer &uuml;berschaubaren Kleingruppe hinaus erweitert, werden neue, verbindliche Formen der Interaktion notwendig, in denen eine &quot;Struktur&quot; ausgehandelt wird. Anselm Strauss bezeichnet diese Form ausgehandelter Sozialstrukturen als &quot;negotiated order&quot;. Damit ist ein Ansatz gemeint, um die sozialen Prozesse im Rahmen von Organisationen zu verstehen. Wenn angenommen wird, dass Organisationen immer vorgestellte Strukturen sind und dadurch Existenz erhalten, dass sich die Akteure ihren Vorstellungen von Organisationen entsprechend verhalten, muss von den Einzelpersonen ausgegangen werden, wenn eine solche Struktur definiert werden soll. Die tats&auml;chliche Form einer Organisation l&auml;sst sich dann nur &uuml;ber die anhaltenden Interaktionsprozesse der Mitglieder, die sich in ihren Vorstellungen niedergeschlagen haben, verstehen. Der von Anselm Strauss benutzte Begriff f&uuml;r die auf Interaktionsprozesse aufliegende Sozialstruktur, die von der Vorstellungswelt der Akteure abgeleitet wird, ist der von den &quot;Sozialen Welten&quot;. Soziale Welten sprengen den Rahmen von Organisationen und sind lediglich lose Verbindungen von Menschen, die z.B. gleiche Interessen haben oder eine gleiche T&auml;tigkeit aus&uuml;ben oder sich f&uuml;r etwas engagieren usw. (Strauss 1978b)</p>

<p class="fqs">Es k&ouml;nnen aber auch solche Vorg&auml;nge analysiert werden wie das Verhalten oder die Beziehungen zwischen Personengruppen oder Arbeitsabl&auml;ufe, in denen mit technischen Ger&auml;ten umgegangen werden muss. Es kann das Leben von Einzelpersonen mit seinen verschiedenen Phasen zum Ausgangspunkt der Untersuchung werden. Es kann bei einer solchen Untersuchung eine Konzeption in den Mittelpunkt gestellt werden, also eine abstrakte Vorstellung &uuml;ber soziale Beziehungen, mit denen die Akteure umgehen m&uuml;ssen. Das k&ouml;nnen Vorstellungen sein, wie Lehrer(innen) Situationen herstellen, in denen gewisserma&szlig;en beil&auml;ufig gelernt wird. (Lave/Wenger, 1991) Sie lassen bei diesem &quot;situated learning&quot; Sch&uuml;ler(innen) an einem Lernarrangement teilnehmen, das von soviel Faktoren beeinflusst wird, dass es nicht vollst&auml;ndig &uuml;berblickt werden kann. Von den Sch&uuml;ler(inne)n wird das Arrangement als Ganzes wahrgenommen und nicht der von den Lehrer(inne)n gemeinte Wissensausschnitt. So kann es einerseits zu Konflikten kommen, andererseits w&uuml;rde aber die Ber&uuml;cksichtigung der periph&auml;ren Aspekte die M&ouml;glichkeit er&ouml;ffnen, den Sch&uuml;ler(inne)n die Gelegenheit zu geben, in eine soziale Welt und in die dort ge&uuml;bte Praxis des Umgangs mit Wissen, die ihnen von den Lehrer(inne)n vorgelebt wird, hineinzuwachsen.</p>

<p class="fqs">Die Ergebnisse von Fallstudien k&ouml;nnen also in unterschiedlichen Formen von Aussagezusammenh&auml;ngen konzipiert werden wie z.B. im Rahmen des oben erw&auml;hnten &quot;natural-history-Modells&quot; oder eines &quot;Soziale-Welt-Modells&quot;, wie es von Anselm Strauss entwickelt worden ist. Sich dabei nicht beeinflussen zu lassen von &quot;gro&szlig;en Erz&auml;hlungen&quot;, wie die in die Form von Theorien gekleideten Welterkl&auml;rungsmuster in der Postmoderne-Diskussion genannt wurden, sondern allein nach dem zu schauen, was die Akteure selbst zu sagen haben, steht dabei im Vordergrund. Dabei ger&auml;t Fritz Sch&uuml;tzes erz&auml;hltheoretischer Ansatz ins Blickfeld, der sich f&uuml;r latente und manifeste Thematisierungen sozialer Prozesse in Erz&auml;hlungen von Akteuren interessiert. Die von den Akteuren dargebotene Erz&auml;hlung soll m&ouml;glichst wenig durch &Auml;u&szlig;erungen des Zuh&ouml;rers beeinflusst und damit vorstrukturiert werden, so dass der nat&uuml;rliche Vorgang des selbst&auml;ndigen Strukturierens und der st&auml;ndigen Aufordnung der dargebotene Erz&auml;hlung ungest&ouml;rt geschehen kann. W&auml;hrend des Vortrags werden Verfahren zur systematischen Ausblendung oder besonderen Hervorhebung von Ereignissen benutzt, die sich oft erst bei schriftlicher Transkription des Erz&auml;hlten erkennen lassen (Sch&uuml;tze 1976b, 1987a). Aus der gew&auml;hlten Form der Darstellung und aus dem in ihr erkennbaren Umgang mit den eigenen Erlebnissen lassen sich Schlussfolgerungen ziehen hinsichtlich des geschilderten Ereignisvorgangs bzw. der sozialen Beziehungen der in ihn verwickelten Personen. Das Auffinden sozialer Prozesse, die im Text ihren Niederschlag gefunden haben, ist auch das Anliegen der von Sch&uuml;tze zusammen mit Werner Kallmeyer aus ethnomethodologischen Vorarbeiten entwickelten soziologischen &quot;Konversationsanalyse&quot; (Sch&uuml;tze/Kallmeyer, 1976a). Es geht dabei darum, die in einem Gespr&auml;ch von mehreren Personen stattfindende Wechselrede daraufhin zu untersuchen, von welchen Mechanismen sie gesteuert wird. Ausgegangen wird dabei immer von einer idealisierenden wechselseitigen Unterstellung des Verst&auml;ndnisses der Aussagen und der in ihnen enthaltenen Handlungsvorschl&auml;ge. Handlungsziele f&uuml;hren zur Konstituierung gemeinsam durchzuf&uuml;hrender Handlungsschemata, deren Abschluss das Ende einer Gespr&auml;chssequenz anzeigt. Gespr&auml;che oder Diskussionen haben also einen nach Sequenzen geordneten inneren Aufbau, der es erlaubt, auf der Grundlage des Transkripts Schlussfolgerungen zu ziehen hinsichtlich der Absichten, von denen die Argumentation der einzelnen Gespr&auml;chsteilnehmer getragen wird, und hinsichtlich der Art und Weise, wie sie sich gemeinsam bei gegenseitiger Ann&auml;herung auf ein entstehendes Ziel zu bewegen.</p>

<p class="fqs">Sch&uuml;tzes Interesse reicht von den Mechanismen der sprachlichen Selbstdarstellung im narrativen Interview und den Mechanismen der kommunikativen Selbststeuerung z.B. in Beratungsgespr&auml;chen, Verhandlungen usw. bis hin zu der Frage, wie die Verarbeitung und Bilanzierung bisheriger Aktivit&auml;ten sich auf den Lebenslauf der Individuen ausgewirkt hat. (Sch&uuml;tze, 1981) Im Lebenslauf lassen sich dabei Prozessstrukturen auffinden. Sie stehen im Spannungsfeld von Eigenentw&uuml;rfen und tats&auml;chlich vorgefundenen Handlungsm&ouml;glichkeiten und zwingen in Krisen zu Selbstbehauptungshandlungen, die allerdings nicht bewusst erfolgen und immer die Tragweite ihrer Konsequenzen erkennbar werden lassen. Die Gesamtheit der Entwicklung der einzelnen Menschen kann z.B. vom Wechsel zwischen Lebensabschnitten, sog. ritualisierten &quot;Statuspassagen&quot; gepr&auml;gt sein, in denen die Wechselbeziehungen von Individuen und den Verh&auml;ltnissen, in denen sie leben, auf eine neue Grundlage gestellt werden m&uuml;ssen. Auch die Abschnitte ohne die Krise des &Uuml;berganges sind von der Perspektive auf diese &Uuml;berg&auml;nge beeinflusst. Die negative Form der Verarbeitung von Alltagshandlungen durch immer tiefere Verstrickung in eine als ausweglos erscheinende Situation, die zum Schluss nicht mehr &uuml;berblickt werden kann, nennt Sch&uuml;tze eine &quot;Verlaufskurve&quot;. Der Akt der schrittweisen Bew&auml;ltigung der als unsicher empfundenen pers&ouml;nlichen Situation, indem biographische Handlungsschemata der Bearbeitung entwickelt werden, wird als &quot;Wandlungsprozess&quot; bezeichnet. Was sich am Einzelschicksal aufzeigen l&auml;sst, ist aber auch auf Menschenaggregate mit gemeinsamer Schicksalsbetroffenheit &uuml;bertragbar. (Sch&uuml;tze, 1989) Am Beispiel der unterschiedlichen Verarbeitung von Kriegserlebnissen aus der Sieger und der Verliererperspektive lassen sich Bew&auml;ltigungsstrategien ableiten, die &auml;hnlich sind, ohne dass sich die Betroffenen kennen m&uuml;ssen. Abzuleiten ist daraus, dass Kategorien, die f&uuml;r einzelne Individuen gefunden worden sind, auch auf andere Individuen, die sich in einer vergleichbaren sozialen Situation befinden, &uuml;bertragbar sind, dass es also m&ouml;glich sein muss, mit diesen Kategorien ein soziales Gef&uuml;ge zu beschreiben. Gleichzeitig kann durch den analytischen Schritt des kontrastiven Vergleichs, der immer als Motor bei der Entwicklung eines Theoriezusammenhangs dient, auch die Validit&auml;t der gefundenen Kategorien &uuml;berpr&uuml;ft werden.<br>
F&uuml;r die vorliegende Fallstudie &uuml;ber die &quot;Innenseite der Schulreform&quot; geht es darum, mit dem skizzierten interpretativen Ansatz eine Mehrebenenanalyse durchzuf&uuml;hren. Es handelt sich um die Einf&uuml;hrung des &quot;Team-Modells&quot; als neue Arbeitsgrundlage f&uuml;r die Lehrer(innen), d.h. um eine Modifizierung der bisherigen formalen Zusammenarbeit an einer Gesamtschule durch ein neues Konzept, das auf der st&auml;ndigen Kommunikation der Lehrer(innen) aufbaut. Mit &quot;mehreren Ebenen&quot; ist gemeint, einerseits einem &quot;historischen&quot; Ablaufmuster zu folgen wie bei den fr&uuml;hen soziologischen Fallstudien und andererseits pers&ouml;nliche Perspektiven der Akteure einzubeziehen, aber getrennt zu untersuchen. Begonnen wird also mit Datenmaterial zur Entwicklung der Comenius-Schule, an dem der Prozesscharakter der Umwandlung der Schulstruktur deutlich gemacht werden kann. Mit der Wiedergabe des historischen Ablaufs wird die individuellen Sichtweise der Lehrer(innen) und ihr im Laufe der Jahre entstandener Wissensbestand kontrastiert. D.h., es wird herausgearbeitet, was die Lehrer(innen) in diesem Zeitraum an gemeinsamem Wissen angesammelt haben. Eine weitere Kontrastierung erfolgt durch die Beobachtung einiger Lehrer(innen) in einer Konferenz, wo sie durch die gemeinsame Beratung eines Konflikts mit Sch&uuml;ler(inne)n ihre jeweiligen Handlungsweisen im Unterricht zu erkennen geben. Dabei wird ersichtlich, wie das Ereignis der Umwandlung des Organisationsgeflechts der Schule sich im Laufe der Zeit auf die t&auml;gliche Praxis der Lehrer(innen) ausgewirkt hat bzw. wie es untereinander konfliktu&ouml;s verarbeitet worden ist.</p>

<p class="fqs">Die Auswirkungen der Weiterentwicklung der Schule, die durch die Kontrastierungen besonders deutlich werden, lassen die Frage entstehen, wieso es zwar das Ereignis der Ver&auml;nderung gegeben hat, es aber nicht zu der beabsichtigten Probleml&ouml;sung kommen konnte. Diese Frage l&auml;sst sich durch eine Schlussfolgerung aus der Kontrastierung der drei Ebenen beantworten. Durch die Einbeziehung der subjektiven Sichtweise der Lehrer(innen) sind die vielen Ungereimtheiten sichtbar geworden, die mit dem Ereignis der Einf&uuml;hrung des Team-Modells eigentlich beseitigt werden sollten. Als Ursache daf&uuml;r k&ouml;nnen Widerspr&uuml;che ausgemacht werden, die in den Handlungen selbst liegen oder die ihren Grund in verzerrten Vorstellungen der Lehrer(innen) haben, die sie sich von der Handlungsweise anderer Personen machen. Die verschiedenen Formen der Widerspr&uuml;che, die sich als Paradoxien oder Antinomien fassen lassen, sind die Abstraktionsstufe, auf der sich die als Fall aufgerollte Problematik, also die Einf&uuml;hrung einer Reform und ihre Formalisierung im weiteren Verlauf der Entwicklung, abschlie&szlig;end fassen l&auml;sst.</p>

<p class="fqs">Allgemein l&auml;sst sich sagen, dass Fallstudien in der oben entwickelten Art eine Methode darstellen, das Ganze in seinen Teilbereichen sichtbar zu machen. D.h. also, dass bereits in den Teilbereichen etwas Allgemeines gefunden werden muss, das auf eine h&ouml;here Gemeinsamkeits- und Abstraktionsstufe hinweist. Dies wirft aber die Frage auf, wie ein solcher Zusammenhang herzustellen ist. Es m&uuml;ssen dazu zwei verschiedene Ebenen zusammengebracht werden. Auf der einen Seite die Ebene der konkreten Daten, auf der anderen Seite eine Abstraktionsebene, die das verbindende theoretische Element f&uuml;r den jeweiligen Teilbereich enth&auml;lt.</p>

<p class="fqs">Das oben bereits dargestellte Konzept der schrittweisen Entwicklung von Kategorien durch kontrastive Vergleiche kann auch erg&auml;nzt werden durch eigenst&auml;ndige theoretische Teilkonzepte, die bei anderen Untersuchungen im Rahmen interpretativer Fragestellungen entwickelt worden sind. Dadurch besteht die M&ouml;glichkeit, den Prozess des Theorieaufbaus ausgehend von verschiedenen Perspektiven zu fokussieren und ihm eine &uuml;bereinstimmende Richtung zu geben. Das ist dann notwendig, wenn das Datenmaterial sehr umfangreich ist und Kodierungen in verschiedene Richtungen m&ouml;glich w&auml;ren, der Fall aber erst definiert und eingegrenzt werden muss. Auf diese Weise kann ein Prozess eingeleitet werden, der als Abstraktionsstufe in gewisser Weise dem &quot;theoretical sampling&quot; bzw. der theoretischen Integration entspricht, mit dem Anselm Strauss verschiedene bereits erschlossene Teilkonzepte miteinander verbinden m&ouml;chte.</p>

<p class="fqs">Die theoretischen Teilkonzepte &quot;Mikropolitik&quot; von Tom Burns (1962) f&uuml;r den historischen ersten Teil der Untersuchung, Mannheims (1980) &quot;konjunktiver Erfahrungsraum&quot; f&uuml;r den berufsbiographischen zweiten Teil und Victor Turners (1989) &quot;Social Drama&quot; f&uuml;r die Analyse des Interaktionsprozesses, in welchem sich Lehrer(innen) in einer Konferenz aufeinander beziehen m&uuml;ssen. Diese theoretischen Teilkonzepte werden mit dem Datenmaterial kontrastiert, das bereits aufgeschlossen worden ist. Das Aufschlie&szlig;en besteht in einer analytischen Aufbereitung des zur Verf&uuml;gung stehenden Textes bzw. der Transkriptionen, im Rahmen von strukturellen Beschreibungen.</p>

<p class="fqs">Im ersten Teil werden die von einigen Lehrer(inne)n ausgehenden Initiativen, um aus der Sackgasse der formalisierten, allein auf curriculare Inhalte und auf Wissensaufnahme bezogenen Schulstruktur herauszukommen, dargelegt. Es wird die Initiative zur Einf&uuml;hrung des Team-Modells als entscheidendes Ereignis herausgearbeitet, mit dem ein Neuanfang als Gesamtschule in Gang gesetzt werden soll. Das Ausscheiden des alten Direktors, als es an die Umgestaltung der gesamten Schule geht, l&auml;sst Konflikte aufbrechen, weil die gewohnte Machtstruktur damit hinf&auml;llig geworden ist und Unklarheit besteht &uuml;ber die zuk&uuml;nftigen Kr&auml;ftekonstellationen. Der anhaltende Konflikt im Kollegium &uuml;ber die Weiterentwicklung der Schule, bei dem unterschiedliche Ansichten aufeinanderprallen, ist ein weiterer Abschnitt. Der letzte Abschnitt des ersten Teils ist die Weiterf&uuml;hrung der Reform unter dem neuen Direktor, wobei der Schwerpunkt auf organisatorischen Ver&auml;nderungen liegt.</p>

<p class="fqs">Diese Ablaufgestalt wird mit Burns' (1962) theoretischem Konzept der &quot;Mikropolitik&quot; konfrontiert, mit dem vor&uuml;bergehende B&uuml;ndnisse und wechselnde Koalitionen f&uuml;r begrenzte Ziele in einer Organisation oder Institution gemeint sind. Es bildet den Horizont, vor den die konkreten Handlungen gestellt werden k&ouml;nnen. Es werden dabei Probleme sichtbar, f&uuml;r die offenbar keine L&ouml;sung zu finden ist und f&uuml;r die eine Erkl&auml;rung nur in der Zusammenschau mit weiteren Datenquellen gesucht werden kann.</p>

<p class="fqs">Im zweiten Teil bilden die transkribierten Interviews von Lehrer(inne)n die textliche Grundlage. Es handelt sich um Interviews mit Teilnehmern aus drei vorher festgelegten Lehrer(innen)gruppen, die bei der Ver&auml;nderung der Schule eine Rolle gespielt haben. Dies sind engagierte Lehrer(innen), die dar&uuml;ber hinaus noch in einer der beiden im Kollegium der Comenius-Schule bestehenden relativ stabilen &quot;mikropolitischen&quot; Gruppierungen eine Wortf&uuml;hrerposition einnehmen und Schulleitungsmitglieder. Der Fokus der leitfadengest&uuml;tzten narrativen Interviews ist das die Ver&auml;nderung tragende Konzept des Team-Modells. An ihm haben sich die Konflikte entz&uuml;ndet. Deshalb werden aus jeder der drei Lehrer(innen)gruppen jeweils ein/e Bef&uuml;rworter/in und ein/e Kritiker/in gegen&uuml;bergestellt.</p>

<p class="fqs">Die Interviews werden mit dem theoretischen Konzept des &quot;konjunktiven Erfahrungsraumes&quot; in Verbindung gebracht, mit dem ein Gegenhorizont f&uuml;r alle Interviews gebildet werden kann. Der konjunktive, also alle in ihm T&auml;tigen verbindende Erfahrungsraum ist der gemeinsame Erlebnishintergrund der Lehrer(innen) in der Comenius-Schule. Er stellt eine Klammer dar, mit der die Einzelperspektiven auf den historischen Ablauf zusammengefasst werden k&ouml;nnen. Dabei l&auml;sst sich ein allm&auml;hlicher Ausk&uuml;hlungsprozess feststellen, von dem auch die engagierten Lehrer(innen) nicht verschont werden.</p>

<p class="fqs">Dem dritten Teil liegt der Transkriptionstext des Mitschnitts einer Klassenkonferenz zu Grunde. Es handelt sich um eine Konferenz, bei der vorausgegangene Konflikte einer stellvertretenden Klassenlehrer/in mit Sch&uuml;lern ihrer Klasse das Thema sind. Sie m&ouml;chte diesen Konflikt durch erzieherische Ma&szlig;nahmen regeln, wozu sie die Zustimmung und den R&uuml;ckhalt aller Lehrer(innen) braucht, welche die Sch&uuml;ler unterrichten. Die Konferenz stellt eine Situation dar, in der schlaglichtartig aufscheint, wie die bisherige historische Entwicklung und deren Auswirkungen auf den konjunktiven Erfahrungsraum der Lehrer(innen) sich auf deren Denk- und Handlungsweise niedergeschlagen haben. Sie kann als eingebettet in den langfristigen Entwicklungsprozess der Schule betrachtet werden, als ein Spiegel, in dem sich die aktuelle konfliktu&ouml;se Beziehungsstruktur zwischen Lehrer(inne)n und Sch&uuml;ler(inne)n abbildet, wobei gleichzeitig deutlich wird, dass die Auseinandersetzungen um das Team-Modell das Kernproblem der Widerspr&uuml;che kaum ber&uuml;hrt haben.</p>

<p class="fqs">Als Gegenhorizont f&uuml;r die Konferenz wird die theoretische Konzeption des &quot;sozialen Dramas&quot; verwendet, die ein Ablaufschema von sozialen Konflikten darstellt, wobei die Akteure einer bestimmten Dramaturgie zu folgen scheinen. Durch immer wieder in &auml;hnlicher Form verwendete Konfliktstrategien, die ihrerseits Gegenreaktionen hervorrufen, w&auml;hrend beide Seiten an soziale Regeln und Ideologien gebunden sind, wird ein Auseinandersetzungsprozess in Gang gesetzt, bei dem allerdings nicht abzusehen ist, wie er ausgehen wird. Die Anwendung dieser Konzeption macht es m&ouml;glich, die in den Diskussionen indirekt zur Sprache kommenden Handlungsformen und Professionsstrategien der Lehrer(innen) herauszuarbeiten</p>

<p class="fqs">Mit der Konstruktion von Gegenhorizonten wird f&uuml;r die drei einzelnen Teilabschnitte der Fallanalyse ein abduktives Verfahren angewandt, indem das aufbereitete Datenmaterial mit einem theoretischen Konzept in Verbindung gebracht wird. Die theoretischen Konzeptionen sind jedoch nicht als statisch zu verstehen, sondern als flexible Denkfiguren die mit konkretem Material in Verbindung gebracht und dabei angepasst werden m&uuml;ssen. Sie stellen einen Schl&uuml;ssel dar, um das Material aufzuschlie&szlig;en. Dabei steht diese Funktion im Mittelpunkt und nicht ihre theoretische Gestalt.</p>

<p class="fqs">Die Ergebnisse der Untersuchung in den drei Teilbereichen des Falles m&uuml;ssen nun &quot;trianguliert&quot;, d.h. zusammengef&uuml;hrt werden. Das soll mit Hilfe der in allen drei Teilen in Erscheinung tretenden Widerspr&uuml;che geschehen. Bei den Widerspr&uuml;chen handelt es sich um Probleme, die in komplexen Organisationsformen immer wieder auftreten, weil sie hochgradig differenziert bzw. arbeitsteilig aufgebaut sind. Es treffen unterschiedlichste Interessen aufeinander, die nicht miteinander vereinbar sind, weil die Akteure von unterschiedlichen Erfahrungswelten ausgehen. Daraus entstehen Missverst&auml;ndnisse und Handlungsabfolgen, die entweder schon in sich widerspr&uuml;chlich sind oder bei denen f&auml;lschlicherweise angenommen wird, dass andere in diese Handlungsvorg&auml;nge verwickelte Individuen das Gleiche denken w&uuml;rden. Die beiden Formen von Widerspr&uuml;chen werden als &quot;Paradoxien&quot; bezeichnet, wenn sie sich auf die Handlung selbst beziehen, und mit dem aus der Philosophie kommenden Begriff der &quot;Antinomien&quot; wenn Annahmen vorliegen, wie beabsichtigt handeln zu k&ouml;nnen, obgleich die notwendigen Voraussetzungen in Wirklichkeit nicht gegeben sind. Da es sich hier um Interaktionsprozesse handelt, bei denen jeweils Grenzen &uuml;berschritten werden, also die Grenze der Vorstellungswelt des einzelnen Individuum, die Grenze der unmittelbaren Interaktionssituation, die Grenze des Ortes, an dem man sich befindet und die Grenze der Zeit und ihrer individuellen Erfassung, werden die auftretenden Widerspr&uuml;che als &quot;Grenzph&auml;nomene&quot; bezeichnet. Grenzph&auml;nomene bilden den Erkl&auml;rungszusammenhang f&uuml;r die auftretenden Schwierigkeiten bei der Ver&auml;nderung der Organisationsstruktur der Comenius-Schule und liefern somit das Grundmuster zum Verst&auml;ndnis des gesamten Falles.</p>

<p class="fqs">Der Prozess der Analyse und der Herausarbeitung der Fallstruktur erfolgte Schritt f&uuml;r Schritt, vergleichbar mit der Vorgehensweise, wie sie oben f&uuml;r die Kategorisierung und allm&auml;hliche Herausbildung einer in den Daten gr&uuml;ndenden Bereichstheorie beschrieben worden ist. In ihn sind die Ergebnisse von Diskussionen des Forschungsansatzes im Graduiertenkolleg Schulentwicklungsforschung eingeflossen, sowie die Ergebnisse der gemeinsamen Spurensicherung im Material bzw. der gemeinsamen Bem&uuml;hungen um theoretische Kl&auml;rung im Forschungskolloquium von Fritz Sch&uuml;tze.</p>
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<table summary="text" border="0" cellpadding="5" cellspacing="0" width="90%">

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<p class="zit">© 2004 <a href="http://www.qualitative-forschung.de/publikationen/schulreform/" target="_blank">http://www.qualitative-forschung.de/publikationen/schulreform/</a>, Status: 12.6.2004</p>


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